Spezialisten Talk – Dr. Claus Eppler von Chiron

Volatile Märkte, steigender Kostendruck und technologische Umbrüche setzen den Werkzeugmaschinenbau unter Druck. Anlässlich des ‘Chiron Open House 2026‘ erklärt Dr. Claus Eppler, CTO von Chiron, warum robuste Zerspanprozesse wichtiger sind als KI, wie sich das Messegeschäft verändert hat und weshalb Automatisierung mittlerweile zum entscheidenden Erfolgsfaktor geworden ist.

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Chiron-CTO Dr. Claus Eppler - "Solange das Leben nicht rein virtuell stattfindet, wird gefräst“ ©DOM

Das Interview führten 
Helmut Damm und Frank Dietsche

Herr Dr. Eppler, Ihre Hausausstellung war gut besucht – trotz schwieriger Konjunktur. Hat Sie das überrascht und aus welchen Regionen stammten die Besucher?

Claus Eppler: Ein Stück weit schon, ja. Wir wussten, dass es in diesem Jahr viele Parallelveranstaltungen gibt. Dass wir dennoch die Marke von 1200 Besuchern überschreiten, ist für mich ein Beleg dafür, dass die Teilnehmer nicht aus ­Gewohnheit kommen, sondern weil sie konkrete, nutzen­bringende Lösungen erwarten. Das ist letztlich entscheidend für ein solches Format. Der Schwerpunkt der Besucher liegt üblicherweise im Umkreis von 300 Kilometern. Aber wir investieren ­bewusst in Internationalität. Unsere Tochtergesellschaften bringen Besuchergruppen mit. Diese kommen aus Osteuropa, der Türkei und weiteren Ländern. Gleichzeitig ist zu ­beobachten, dass viele Unternehmen restriktiver geworden sind, was Reisen angeht. Umso mehr freuen wir uns über die positive Resonanz.

Dr. Claus Eppler „Der Schlüssel zur Autonomie sind robuste Prozesse, nicht KI“ ©DOM

Wie wichtig sind Hausmessen und Leitmessen heute noch?

Eppler: Hausmessen sind für uns Plattformen zur Kundenbindung und zum Austausch über konkrete Anwendungen. Großmessen wie die EMO hingegen sind eher auf Neukunden ausgerichtet. Was sich jedoch stark verändert hat, sind die Rahmenbedingungen. Die Kosten sind enorm gestiegen, teilweise in einem Maß, das kritisch zu hinterfragen ist. Und gleichzeitig hat sich die Wirkung verändert: Früher wurde auf Messen verkauft, heute entstehen dort Kontakte und der eigentliche Verkaufsprozess erfolgt erst im Anschluss.

Kommen wir zur Technik: Wie entwickelt sich das Maschinenportfolio der Chiron Group?

Eppler: Wir bleiben innerhalb unseres definierten Arbeitsbereichs und dringen nicht in größere Dimensionen vor. Das hat auch mit unserer DNA zu tun: Wir wissen, wo unsere Stärken liegen und wo unser Markt ist. Jedoch haben wir unser Angebot nach unten hin erweitert, etwa mit der Micro5. Da sehen wir Potenzial, da viele Anwendungen bisher in zu großen Maschinen gefahren wurden. Gleichzeitig ist Fläche in der Produktion ein entscheidender Faktor geworden. Früher wurde die Produktivität über die Spindelzahl gesteigert, also durch den Einsatz von Doppel- oder Vierspindlern. Heute sehen wir jedoch auch Kunden, die bewusst darauf verzichten und stattdessen kleinere, flexiblere Maschinen einsetzen wollen. Und genau da setzen wir an.

Damit machen Sie sich selbst Konkurrenz …

Eppler: Das stimmt, und genau darüber haben wir intern auch diskutiert. Aber wir bieten lieber selbst eine passende Lösung an, als dass der Kunde sie woanders kauft. Als Hersteller muss man sich auch ein Stück weit selbst herausfordern. Stillstand wäre in diesem Markt das größere Risiko.

Welche Rolle spielt Automatisierung heute für Chiron?

Eppler: Eine absolut zentrale Rolle. Ohne Automatisierung geht es heute nicht mehr. Wir liefern praktisch jede Maschine mit entsprechender Schnittstelle aus und einen großen Teil mit integrierter Lösung. Das hat sich komplett verändert. Früher war Automatisierung ein Add-on, heute ist sie integraler Bestandteil der Maschine und des Geschäftsmodells.

Zur Hausausstellung in Tuttkingen hat CHIRON drei neue Varianten für die automatisierte Mikrobearbeitung mit der Micro5 XL vorgestellt. ©DOM

Viele sprechen aktuell über Künstliche Intelligenz als Schlüssel zur autonomen Fertigung. Teilen Sie diese Einschätzung?

Eppler: Ich sehe das deutlich nüchterner. KI kann durchaus hilfreich sein, etwa bei der Analyse oder beim Wissensmanagement. Entscheiden ist jedoch die Robustheit der Prozesse. Wenn ein System in der Nachtschicht bereits nach kurzer Zeit stehen bleibt, nützt Ihnen die beste KI nichts. Deshalb liegt unser Fokus darauf, Prozesse stabil und fehlertolerant zu gestalten. Allerdings nutzen wir KI-Systeme intern, um Wissen zu bündeln und zugänglich zu machen. Ein klassisches Beispiel: Unsere Experten beantworten im Service ­immer wieder die gleichen Fragen. Das ist ineffizient – und genau das kann KI auffangen. KI macht vorhandene Erfahrung breiter verfügbar, ersetzt diese jedoch nicht.

Wie gehen Ihre Kunden mit Datennutzung und Vernetzung um?

Eppler: Nach wie vor ist das sehr unterschiedlich. Es gibt Kunden, die sehr offen dafür sind, und andere, die das strikt ablehnen. Das wird sich auch nicht ändern. Für uns ist entscheidend: Wir benötigen nicht alle Daten. Oft reichen Teilmengen aus, um Muster zu erkennen und unsere ­Maschinen weiter zu verbessern. Und genau darauf konzentrieren wir uns.

Wie wirkt sich die aktuelle Konjunktur auf Ihr Geschäft aus?

Eppler: Die Entscheidungsprozesse sind deutlich länger ­geworden. Gleichzeitig erwarten Kunden nach einer Entscheidung eine schnelle Umsetzung. Das führt dazu, dass standardisierte Lösungen wieder an Bedeutung gewinnen. Klassische Turnkey-Projekte mit viel Engineering sind in solchen Phasen zumindest zeitlich schwieriger umzusetzen.

In schwierigem konjunkturellen Fahrwasser rückt meist die Kostenseite in den Fokus. Wie begegnen Sie dem Spardruck bei Chiron?

Eppler: Das ist richtig. Wir betrachten unsere Prozesse sehr genau – Stichwort Cost Engineering. Selbstverständlich setzen wir auch auf globale Beschaffungsstrategien. Aber man muss realistisch bleiben: Mit den Preisniveaus in China können wir nicht konkurrieren. Wir müssen unseren eigenen Weg finden, um wettbewerbsfähig zu bleiben, und das erreichen wir über Effizienz, Qualität und Anwendungskompetenz.

Welche Märkte werden für Chiron künftig wichtiger?

Eppler: Wir werden unsere Aktivitäten in Bereichen wie ­Defence, Drohnentechnologie oder Präzisionstechnik ausbauen. Das sind Wachstumsmärkte, die gut zu unseren Stärken passen. Der Automotive-Bereich bleibt wichtig, wir erwarten von dort jedoch keine großen Wachstumsimpulse mehr.

Was bedeutet das konkret für Ihre Strategie?

Eppler: Um Rückgänge in einzelnen Segmenten kompensieren zu können, wollen wir breiter aufgestellt sein. Stichworte sind hier Diversifizierung und Resilienz. Dafür sind nicht überall große Marktanteile nötig – es reicht, in mehreren Feldern solide präsent zu sein.

Dr.-Ing. Claus Eppler, CTO der CHIRON Group Bild: Chiron

Welche Themen stehen für die nächsten Jahre ganz oben auf Ihrer Agenda?

Eppler: Wir wollen Automatisierung weiter standardisieren und einfacher machen, Kosteneinsparungspotenziale konsequent heben und gleichzeitig sicherstellen, dass wir keine technologische Entwicklung von Bedeutung verpassen. Am Ende laufen alle diese Maßnahmen auf stabile, wirtschaftliche Prozesse hinaus, die möglichst autonom ­ablaufen können.

Herr Dr. Eppler, vielen Dank für das Gespräch.

 

Kontakt:

www.chiron-group.com