
Werkzeughersteller SIMTEK hat vor rund zwei Jahren eine grundlegende Entscheidung im Verpackungsbereich getroffen: weg von neu produziertem Kunststoff, hin zu recycelten Materialien. Was zunächst wie ein klassisches Nachhaltigkeitsprojekt klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als tiefgreifende Transformation weiter Teile des Verpackungssystems. Inzwischen betrifft die Umstellung auf sogenannte Rezyklate nahezu 70 bis 80 Prozent des Produktportfolios – und steht exemplarisch für einen praktikablen Weg in Richtung Kreislaufwirtschaft in der Industrie.
Initiiert wurde dieser Schritt von Bernd Ganter, Bereichsleiter Logistik und Lieferkette beim Präzisionswerkzeughersteller aus Mössingen. Für ihn war das Projekt von Anfang an mehr als eine Imageinitiative. „Unser Ziel war es, den Lebenszyklus der Verpackungen zu verlängern und so die Abhängigkeit von neuem Kunststoff deutlich zu reduzieren“, erklärt Ganter.

Tatsächlich zeigt sich die Umstellung zunächst rein optisch: Die bislang üblichen dunkelblauen Verpackungen wurden Rezyklat-bedingt durch graue ersetzt. Diese Farbgebung ist kein Designentscheid, sondern eine direkte Folge des Materials. Die verwendeten Rezyklate basieren überwiegend auf Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP) aus Haushaltsabfällen („gelber Sack“). Da das Material dort nicht nach Farben sortiert wird, ergibt sich ein neutrales Grau. Für SIMTEK bedeutet das einen bewusst in Kauf genommenen Schritt weg von markenspezifischer Farbidentität – zugunsten von Nachhaltigkeit. „Grau ist das neue Blau“, bringt Ganter die sichtbarste Veränderung auf den Punkt.
Die Kundenreaktionen fielen überwiegend positiv aus, obwohl die Umstellung bewusst ohne größere kommunikative Begleitung erfolgte. „Das gestiegene Bewusstsein für Umweltfragen in der Branche trägt entscheidend dazu bei, dass derartige Veränderungen als notwendiger Fortschritt wahrgenommen werden“, erläutert Ganter, „Zumal wir weder bei Qualität noch Funktionalität Kompromisse eingehen müssen.“ Die Verwendung von Rezyklaten verlängert die Lebensdauer der Verpackungen, reduziert den Einsatz neuer Ressourcen und bringt sie einen entscheidenden Schritt näher an einen geschlossenen Materialkreislauf.
Schrittweise auf 90 Prozent

Die Umstellung erfolgte sukzessive. Sobald bestehende Lagerbestände aufgebraucht waren, wurden sie durch Verpackungen aus Rezyklatmaterial ersetzt. Der Anteil variiert je nach Produktgruppe. Bei Trägerwerkzeugen und Wendeschneidplatten liegt er inzwischen bei rund 90 Prozent, bei Schneideinsätzen aktuell bei etwa 50 Prozent. „Damit sind wir unserem Ziel einer vollständigen Umstellung bereits erheblich nähergekommen“, freut sich der Bereichsleiter Logistik.
Die größeren Herausforderungen lagen weniger in der Optik als in der technischen Umsetzung. Hartmetallwerkzeuge reagieren empfindlich auf Stöße und Druckbelastungen – eine sichere Verpackung ist daher entscheidend, um Transportschäden zu vermeiden. Entsprechend umfangreich fiel die Testphase aus: In sogenannten Live-Tests wurden Werkzeuge unter realen Bedingungen versendet, um mögliche Schwachstellen frühzeitig zu identifizieren.
Materialkreislauf geschlossen
Die Ergebnisse waren eindeutig: Die versendeten Testwerkzeuge wiesen keinerlei Beschädigungen auf. Maßgeblich dafür ist die präzise Konstruktion der Verpackungen. Die Werkzeuge sind so fixiert, dass sie entweder fest sitzen oder nur minimalen Bewegungsspielraum haben. Kollisionen innerhalb der Verpackung werden so zuverlässig verhindert. Besonders kritisch sind Ausbrüche an Schneidkanten oder Beschichtungen – genau hier konnte die Rezyklat-Lösung überzeugen. „Zu Ausbrüchen und Materialverschleiß sollte es erst im Zerspanungsprozess kommen und nicht schon auf dem Transportweg“, betont Ganter.
Auch wirtschaftlich hat sich die Umstellung stabilisiert. Während anfangs noch Mehrkosten von rund 20 Prozent anfielen, hat sich das Preisniveau inzwischen weitgehend dem der vorherigen Verpackungen angenähert. Damit entfällt ein häufiges Argument gegenüber dem Einsatz nachhaltigerer Materialien.
Ein weiterer Vorteil liegt in der Wiederverwertbarkeit. Während frühere Lösungen oft nur thermisch verwertet werden konnten, lassen sich die neuen Rezyklat-Verpackungen bis zu sieben Mal recyceln. Aus einem klassischen Einwegprodukt wird so ein Bestandteil eines funktionierenden Materialkreislaufs.

Unterstützt wird dieser Ansatz durch weitere Details: Die eingesetzten Etiketten lassen sich rückstandsfrei ablösen, was die sortenreine Trennung erleichtert und die Recyclingqualität verbessert. Zudem erfüllen die Verpackungen relevante Normen wie VDI 9001 und ISO 14001 und unterstreichen damit ihre industrielle Praxistauglichkeit.
Nachhaltigkeit noch nicht am Ende
Die Motivation hinter dem Projekt ist nicht allein technischer oder wirtschaftlicher Natur. Bernd Ganter erklärt: „Als Segler habe ich über die Jahre die zunehmende Verschmutzung der Meere mit Kunststoffabfällen unmittelbar miterlebt. Diese Eindrücke haben meinen Entschluss bestärkt, aktiv gegenzusteuern, indem wir weniger neuen Kunststoff einsetzen und vorhandene Materialien so lange wie möglich im Kreislauf halten.“ Gleichzeitig versteht SIMTEK die aktuelle Lösung nicht als Endpunkt. Rezyklate sind ein wichtiger Zwischenschritt, aber keine abschließende Antwort auf die Kunststoffproblematik. Denn auch recycelte Kunststoffe können langfristig in die Umwelt gelangen und zur Mikroplastikbelastung beitragen.
Das langfristige Ziel ist daher klar formuliert: Der Umstieg auf vollständig biologisch abbaubare Materialien, die keine schädlichen Rückstände hinterlassen. „Noch sind solche Lösungen im industriellen Maßstab nicht etabliert, doch wir beobachten die Entwicklungen sehr genau und halten gezielt nach Alternativen Ausschau“, so Ganter. Das Grau der Rezyklate ist damit längst mehr als nur eine neue Farbe bei SIMTEK-Verpackungen, es steht für ein grundlegendes Umdenken in der Industrie.
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