Der Roboter mit der Königskrone

Die beiden 5-Achs-Bearbeitungszentren C 250 U mit adaptiertem Robotersystem RS 1 laufen wie ein Schweizer Uhrwerk. Der französische Lohnfertiger MCSA-CELERC zeigt, wie Learning by Doing, erfahrene Mitarbeitende und smarte Automation zusammenwirken, um anspruchsvolle Luftfahrtteile zu zerspanen.

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Dank der Kombination aus zwei C 250 U Bearbeitungszentren mit adaptiertem Robotersystem RS 1 wurden drei Bearbeitungszentren frei für neue Aufträge. ©Hermle
MCSA-CELERC fertigt in La Guerche-sur-l’Aubois im Département Cher Präzisionsteile für die Luftfahrttechnik. ©Hermle

Wenn Sébastien Lelong, Leiter der mechanischen Fertigung bei MCSA-CELERC, ein Zahnrad in die Hand nimmt, passt es locker zwischen Daumen und Zeigefinger. Weniger als einen Zentimeter misst es im Durchmesser: klein genug, um unscheinbar zu wirken, genau genug, um in der Luftfahrt mitzufliegen. In Kleinserien zerspant der Lohnfertiger Präzisionsteile. Dazu gehören beispielsweise Zahnräder, bei denen ein einziger Mikrometer über gut oder schlecht entscheidet. Andere nennen das heikel. Sébastien Lelong nennt es Alltag.

Robotersystem RS 1 von HERMLE – Mit 64 Paletten und acht Matrizen kann MCSA-CELERC ausreichend Werkstücke für das Wochenende vorbereiten. ©HERMLE

Die französische Gruppe MCSA mit ihrer Tochter MCSA-CELERC in La Guerche-sur-l’Aubois im Département Cher in der Region Centre-Val de Loire zerspant, was sonst kaum jemand schafft: mikrometergenaue Bauteile für Flugzeuge, Militärtechnik und Züge. Zu den Kunden gehören beispielsweise Airbus, Dassault Aviation, Liebherr Aerospace und Safran. Neben der Zerspanung hochpräziser Werkstücke aus Stahl und Aluminium bis zu Materialien wie Titan, Inconel oder Kunststoffe montiert das Unternehmen auch Baugruppen und führt Funktionstests durch.

MCSA-CELERC beschäftigt rund 100, die Gruppe 250 Mitarbeitende.

Höchste Präzision und regelmäßige Qualitätskontrollen sichern die Maßhaltigkeit jedes einzelnen Bauteils. ©Hermle

Maschinen, die Spaß machen

Wenn Sébastien Lelong montagmorgens die Produktionshalle betritt, laufen beide 5-Achs-Bearbeitungszentren C 250 U seit mindestens 60 Stunden ohne Pause, obwohl die Beschäftigten am Wochenende nicht arbeiten. „Die Jungs haben einen Wettbewerb daraus gemacht“, erklärt der Leiter der mechanischen Fertigung. „Sie wollen immer noch mehr aus den Maschinen rauskitzeln. Ihr bisheriger Rekord liegt bei 107 Stunden“, lobt er.

Dank der Kombination aus zwei C 250 U Bearbeitungszentren mit adaptiertem Robotersystem RS 1 wurden drei Bearbeitungszentren frei für neue Aufträge. ©Hermle

Das adaptierte Robotersystem RS 1 von HERMLE versorgt beide Fräsmaschinen während der Geisterschichten dank 64 Paletten und acht Matrizen für das Einzelteilehandling mit genügend Nachschub.

Ein Detail überrascht: Der Arm des Kuka-Roboters trägt eine goldene Papierkrone. „Ein Relikt aus der Installationszeit, als der HERMLE-Techniker aus Gosheim die Porzellanfigur in der Galette des Rois, dem sogenannten Dreikönigskuchen, fand und den Roboter mit der beiliegenden Krone dekorierte“, berichtet Sébastien Lelong lachend. „Die Krone gehört jetzt einfach dazu, solche Dinge stärken den Zusammenhalt.“ Doch der Roboter blieb nicht nur König für einen Tag, sondern hat sich immer mehr zum Liebling der Belegschaft entwickelt. „Roboter und Fräszentren sind Spielzeuge für große Jungs“, beschreibt der Fertigungsleiter.

„Die Bediener entwickeln eigene Ideen, wie sich Prozesse verbessern lassen, denn alle haben verstanden: Je mehr sie mit dieser Maschine ausprobieren, umso interessanter werden ihre Aufgaben, und umso mehr Aufträge können sie bearbeiten.“

Präzision und Erfahrung setzen neue Maßstäbe

MCSA-CELERC zerspant vor allem Aluminium, aber auch unterschiedliche Stähle, Titan und Kunststoffe. ©Hermle

Sébastien Lelong ist seit fast 30 Jahren im Unternehmen. Er begann damals an einer C 600 U von HERMLE, die ihn prägte und die immer noch eine der präzisesten Maschinen in der Fertigung sei. Aus dem Praktikanten wurde ein Fräser, aus dem Fräser ein Programmierer, dann der Leiter der mechanischen Fertigung. „Heute bearbeiten wir winzige Zahnräder in einer Exaktheit und Wiederholgenauigkeit, die lange unerreichbar schienen“, sagt er. Eine Nische, für die es keine Ausbildung gibt. „Das ist Learning by Doing und eines unserer Alleinstellungsmerkmale.“

Kleines Werkstück, große Genauigkeit – die Luftfahrtbranche setzt auf kaum messbare Toleranzen. ©Hermle

So gehören beispielsweise Falcon-Businessjets von Dassault Aviation zu den Flugzeugen, in denen Teile von MCSA-CELERC stecken. „Unsere Kunden benötigen hierfür Kleinserien, maximal 50 Teile. Und eine extreme Liefertreue“, betont der Fertigungsleiter. Die bisher eingesetzten Fräszentren kamen an ihre Grenzen. „Die Teile liefen im Zwei-Schicht-Betrieb auf drei verschiedenen Maschinen, aber für die wachsende Nachfrage reichte das nicht“, weiß Sébastien Lelong. „Wir brauchten mehr Kapazität und wollten eine Anlage, die 24/7 läuft, flexibel ist und mit der wir unser 3R-Nullpunktspannsystem nutzen können.“
Das Fräs-Team zog einige Anbieter in die engere Auswahl und fuhr auch nach Gosheim ins HERMLE-Stammwerk. „Dabei sah ich, wie das Unternehmen mit eigenen Maschinen Teile für die Bearbeitungszentren fertigt.

Die Roboter, die Montage, das Schulungszentrum – alles inhouse. Ich spürte die Leidenschaft der Leute dort.“ Und noch etwas überzeugte den Fertigungsleiter: „Bei anderen Herstellern hätte ich drei Ansprechpartner gehabt: einen für die Maschine, einen für den Roboter, einen für das Palettensystem. Der Service von HERMLE umfasst dagegen alles, und es gibt nur eine Kontaktperson. Das gab für uns den Ausschlag.“

Die HERMLE-Spezialisten bei MCSA-CELERC: Philippe Coutin, Sébastien Lelong und Anthony Garinie, zusammen mit Jean-François Denis, CEO HERMLE France (v.l.). ©Hermle

Der schrittweise Weg

2022: Die erste HERMLE C 250 U mit dem adaptierten Robotersystem RS 1 wird geliefert. „Wir wollten nicht sofort beide Maschinen, sondern erst die Automation kennenlernen, optimieren und verstehen“, erklärt der Fertigungsleiter. „Meine Kollegen waren wirklich beeindruckt“, erinnert er sich. „Ich habe Leute an der Maschine, die ihr Handwerk verstehen, aber wie schnell so ein komplexes Robotersystem produktiv arbeiten kann – das hat mich selbst überrascht.“

Lasermesssystem zur Werkzeugüberwachung und -verschleißerkennung. ©Hermle

Alle Werkstücke, die früher auf drei Maschinen liefen, werden nun vollautomatisch gefertigt. Die alten Fräszentren waren damit frei für neue Aufträge. „Wir hatten ein Luxusproblem“, sagt Sébastien Lelong schmunzelnd. „Ich musste neue Teile akquirieren, um die alten Maschinen auszulasten.“ Die Zahlen sprechen für sich: 2019 lag der Umsatz der Gruppe bei sechs Millionen Euro. 2025 werden es 14 bis 15 Millionen sein. Dank längerer Maschinenlaufzeiten und optimierter Palettenbelegung stieg die Produktivität deutlich.

Titan, Aluminium und abrasive Materialien

Gerade erst hat der Betrieb neue Teile aus einer Gießerei vom Schwesterstandort Vierzon übernommen. „Das abrasive Material bereitet uns noch ein bisschen Kopfzerbrechen“, gibt Sébastien Lelong zu.

Aber das Team nimmt die Herausforderung an. So wie damals, als sie sich plötzlich mit Titan auseinandersetzen mussten. „Das Tolle ist: Bei neuen Aufgaben ist jeder im Team sofort dabei. Wir finden eine Lösung. Alle wollen sich verbessern.“

Sébastien Lelong, Leiter mechanische Fertigung bei MCSA-CELERC: „Meine Leute verstehen ihr Handwerk – aber wie schnell das Robotersystem produktiv lief, hat sogar mich überrascht.“ ©Hermle

MCSA plant weiteres Wachstum. Die kommenden vier Jahre sollen ähnlich dynamisch verlaufen wie die vergangenen sechs. Alte Maschinen werden nach und nach ersetzt. „Als nächstes implementieren wir erneut eine automatisierte Lösung“, verrät Sébastien Lelong. „Und natürlich wird HERMLE mit im Boot sein.“ Aber er fügt hinzu: „Automatisierung ist nicht das Wundermittel für alles. Wir werden immer manuell betriebene Maschinen benötigen, zum Beispiel für Teile, die wir in mehreren Arbeitsgängen fertigen. Nicht alles lässt sich automatisieren. Die Balance machtʼs.“

Kontakt:

www.hermle.de