Frank Dietsche – Herr Melcher, Sie bzw. Boehlerit haben die jährliche Konferenz der europäischen Präzisionswerkzeughersteller, der ECTA, in Graz organisiert und moderiert. Was ist ihr Fazit zur Veranstaltung?
Gerhard Melcher – Mit 130 Teilnehmern aus 11 Nationen und damit weltweit die größte Konferenz in unserer Branche im Jahr 2026 hat aufgezeigt, dass trotz der schwierigen weltweiten Rahmenbedingungen der Auftragseingang in der Präzisionswerkzeugbranche seit Ende 2025 wieder leicht im Steigen ist.
Vor allem beim Netzwerken von Branchenführern und Fachleuten aus unterschiedlichen Regionen aus Europa, USA und Südkorea haben den Optimismus und die Kontakte innerhalb der ECTA weiter gestärkt.
Auch Graz als Austragungsort hat mit seiner Altstadt, österreichischen Geschichte, Kultur, Kulinarik mit den steirischen Weinen und dem südlichen Flair sowie als eine der innovativsten Region Europas viele Teilnehmer positiv überrascht.
FD – Sie haben für die Konferenz ein sehr interessantes Vortrags-Programm zusammengestellt. Themen wie Politik, Regularien, Human Resources, Tool Management oder Automotive Trends und KI wurden intensiv beleuchtet. Warum haben Sie gerade diese Themen ausgewählt?
Gerhard Melcher – Die explosionsartige Steigerung der Kosten und die Verfügbarkeit von Rohstoffen vor allem von Wolfram treffen die Präzisionswerkzeugbranche durch die 80% – Abhängigkeit von den Chinesen derzeit massiv – darauf wollten wir einen Ausblick geben. Ein weiterer „Rohstoff“ – das Fachpersonal – entwickelt sich auf Grund der demografischen Entwicklung als immer größerer Engpass in Europa. Die KI kann und wird hier eine Abhilfe schaffen, aber auch zu großen Veränderungen in unserer Arbeitswelt führen. Das Öl der Zukunft werden Daten sein und Werkzeuge ein Teil des Systems laut dem Vortrag über das Toolmanagement.
Und last but not least die politisch gewollte schnelle Transformation von Verbrennungsmotor zum E Motor reduziert das Zerspanungspotential seit Jahren stark. Hier konnte Dr. Fraidl, ein führender Senior Berater von AVL List GmbH ( einer der weltweit größten Motorenentwickler ) mit seinem Vortrag die Sorgen der Zerspanungsbranche etwas nehmen, da der Elektroantrieb langsam weiterwachsen wird, jedoch der wesentlich größere Anteil die Hybridmotoren sein werden – welche das Zerspanungspotential wieder steigen lässt.
FD – In den Beiträgen von ECTA-Präsident Federico Costa, Stefan Zecha als Präsident der VDMA-Präzisionswerkzeuge wurde das Thema Hartmetall bzw. Rohstoffpreise in Bezug auf Wolfram dargestellt. Wie beurteilen Sie persönlich die Situation?
Gerhard Melcher – Die Wolframpreise haben sich in den letzten 10 Monaten mehr als versechsfacht.
Neben den Exportbeschränkungen aus China ist auch die Nachfrage bei Wolfram vor allem in der Rüstungsindustrie und in der Halbleiterindustrie gestiegen. Wir haben bereits den Preis, den der Markt verträgt, schon längst überschritten. Zur Abhilfe wird im Westen intensiv an Wolfram Minen gearbeitet. Diese Projekte dauern allerdings mindestens zwei Jahre. Ein Lichtblick ist, dass Ende Dezember 2025 bereits eine Mine in Südkorea eröffnet wurde und der Anteil von Recycling bereits auf über 50% gestiegen ist. Weiters werden die begrenzten Recyclingkapazitäten weiter ausgebaut.
Wir haben wahrscheinlich beim APT ( Ammoniumparawolframat) den Höchststand mit USD 3280.- ( Stand 25.5.2026) bereits erreicht, welcher wieder leicht nachgibt ( USD 3180 Stand 1.6.2026). Ich rechne mit einer weiteren Beruhigung der Preise, aber nicht mehr mit einem Rückgang zum Ausgangsniveau von unter USD 500.-.
Der Hartmetallschrott muss noch konsequenter in Europa gesammelt und nur den europäischen Hartmetallherstellern angeboten werden.
Die Hartmetallschrottpreise waren schon über €130/kg, haben sich jedoch kurzfristig wieder halbiert. Ich bin jedoch überzeugt, wenn die gefüllten Lager der Recyclingunternehmen sich leeren, werden die Schrottpreise wieder anziehen.
Entscheidend ist die Verfügbarkeit von Wolfram und die Unabhängigkeit von China. Daran wird stark gearbeitet, daher bin ich optimistisch an einer Beruhigung des Marktes in den nächsten 18 Monaten.
FD – Außerhalb der Vorträge wurde sehr viel Gesprochen und diskutiert. Ein lebhaftes europäisches Networking der Präzisionswerkzeughersteller. Hat die ECTA-Konferenz somit ihr Ziel erreicht?
Gerhard Melcher – Wir haben mit den Themen -Vorträgen, Location aber auch mit der Kulinarik und den ausgezeichneten steirischen Weinen voll ins Schwarze getroffen.
Das Feedback der Teilnehmer über die gelungene ECTC 2026 Graz war überwältigend.
Zu den Erfolg haben neben den Teilnehmern vor allem auch die vielen Sponsoren als auch der VDMA beigetragen.
FD – Ihr Unternehmen, die Firma BOEHLERIT mit Sitz in Kapfenberg ist ein Spezialist, wenn es um die Herstellung von Schneidstoffen, Halbzeugen und Präzisionswerkzeugen sowie Werkzeugsysteme zum Fräsen, Drehen oder Bohren geht? Wie gehen Sie als Unternehmen mit der Situation um?
Gerhard Melcher – Wir als Boehlerit haben unsere Rohstoffe nie in China eingekauft. Dadurch konnten wir unseren Wolfram – Bedarf bei unseren westlichen Lieferanten auch 2026 sichern. Boehlerit gehört zu den führenden Unternehmen in der Schwerzerspanung. Besonders diese Bereiche wie Drehschälen von Blankstahl für die Flugzeugindustrie sowie für die Rüstung laufen sehr gut. Wir sind führend in der Großkurbelwellenbearbeitung für Gasturbinen – welche für Quantenrechner zur Stromerzeugung für KI eingesetzt werden. Oder der Energiesektor für die Rohrbearbeitung zieht ebenfalls an.
Auf der anderen Seite im Bereich Drehen und Fräsen im allgemeinen Maschinenbau stagniert das Geschäft auf Grund der Marktsituation.
Der Halbzeug Bereich läuft wegen der guten Rohstoffverfügbarkeit bei Boehlerit ebenfalls sehr gut.
Märkte wie USA und Indien entwickeln sich positiv.
Südeuropa entwickelt sich derzeit besser als Mitteleuropa. Nordeuropa ist stabil.
Das derzeitige Wachstum ist teilweise durch die gut ausgelasteten Nischen gegeben, aber auch durch Angstbestellungen von Kunden, wegen Preisabsicherung durch die volatile Rohstoffentwicklung bzw. absichern der Verfügbarkeit von Hartmetallprodukten.
FD – Wo sehen Sie die wichtigsten Ansatzpunkte für die Zukunft?
Gerhard Melcher – Rohstoffsicherheit, qualifiziertes Personal, Datenqualität, Digitalisierung, richtige Nutzung von KI,Robotik, internationale Produktionsstätten (reduzieren von Kosten Energie und Personal) und ein starkes Vertriebsnetzwerk
FD – Kann die Politik bzw. die europäische Union den Herstellern in diesem Rohstoff-Dilemma Unterstützung leisten?
Gerhard Melcher – Nicht kann, sondern muss. Es soll der Rahmen geschaffen werden, das kein Wolfram nach China exportiert wird bzw. die Bürokratie abgebaut wird, um Hartmetallschrott aus dem Ausland leichter zu importieren. Weiters muss das Lobbying durch die Dachverbände wie CECIMO oder VDMA in Brüssel verstärkt werden. Wolfram ist ein enorm wichtiger strategischer Rohstoff für Europa.
FD – Im Herbst findet die AMB 2026 in Stuttgart statt. Rechnen Sie aufgrund der aktuellen Geopolitischen Situation mit, auch mit Veränderungen was die Produkte der Aussteller und die Anforderungen der Besucher angeht?
Gerhard Melcher – Die AMB hat sich zur Leitmesse für die Präzisionswerkzeughersteller in Europa entwickelt. Messen haben sich in den letzten Jahren zu einer Kommunikationsplattform entwickelt, wo die Produkte nicht mehr im Vordergrund stehen.
Die Anzahl der Besucher wird weiter leicht zurückgehen, da Unternehmen statt 4 Besucher maximal zwei Besucher pro Firma auf die Messe schicken werden. Die Qualität der Kontakte wird dadurch weiter verbessert.
Digitale Produktpräsentationen werden zunehmen, aber es bleibt wichtig, dass ein kompetenter Ansprechpartner für die Besucher am Stand zur Verfügung steht.
Nicht nur hard facts sind wichtig, auch die soft facts wie Wohlfühlerlebnis für den Messebesucher am Messestand spielen zur Unterscheidung zum Mitbewerb eine immer größere Rolle.
FD – Und was haben die Besucher auf dem Messestand bei Boehlerit zu erwarten?
Gerhard Melcher – Natürlich auch Produktneuheiten wie eine neue Drehgeneration für die Stahlbearbeitung – unter dem Motto Gemeinsam an der Zukunft Drehen – oder einen neuen Hochvorschubfräser trotz negativer
Werkzeugauslegung mit wirtschaftlichen 8 Schneidkanten bei hochpositiven Spanleitstufen für geringe Schnittkräfte. Das breite Produktportfolio wird vor allem digital präsentiert.
Auf den Gemeinschaftsstand mit unserer Schwesterfirma Bilz wird auch modernste Schrumpftechnologie am Stand gezeigt.
Für den Wohlfühlfaktor für unsere Messebesucher auf unseren Messestand servieren wir die hervorragenden steirischen Weißweine und das weit über die Branche bekannte Kürbiskernparfait.
AMB Boehlerit auf der AMB 2026 in Halle 1, Stand H10.
Vielen Dank für das Gespräch
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