Franz-Xaver Bernhard: „Unsere Aufgabe ist es, die Prozesse zu automatisieren und beherrschbar zu machen“

Die Hermle AG aus dem schwäbischen Gosheim macht Vieles am liebsten selbst. Zum einen, mit einer hohen Fertigungstiefe am Standort, zum anderen auch bei der Entwicklung der eigenen Produkte. Und Hermle hat schon früh den Trend zur Automatisierung erkannt. Vorstand Franz Xaver Bernhard erläutert dies im Interview mit Frank Dietsche und beweist dabei auch in schwierigen Zeiten Humor.

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Franz-Xaver Bernhard Firma: Vorstand Vertrieb, Forschung & Entwicklung bei der Hermle AG

Frank Dietsche: Herr Bernhard, was würden Sie in Bezug auf den Außenhandel unternehmen, wenn Sie Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wären?

Franz Xaver Bernhard: (Lacht) Diese Frage überrascht mich und ich habe mir tatsächlich darüber bisher noch keine Gedanken gemacht.

Amerika ist für die Hermle AG ein wichtiger Markt und es bestehen wichtige Handelsbeziehungen für die deutschen Hersteller von Werkzeugmaschinen. Und das darf sich aus unserer Sicht auch nicht verschlechtern. Grundsätzlich wurde der deutsche Maschinenbau durch die USA ja auch nicht sanktioniert.

Doch es gibt ja weltweit noch viele andere Handelsstreitigkeiten und das Thema England bzw. Brexit steht ja auch unmittelbar vor der Tür. Werden bisherige Standards z.B. bei der Maschinenkennzeichnung, den Themen Sicherheit oder Qualität übernommen oder werden diese neu definiert? Da sind noch viele offene Punkte die uns etwas Sorgen machen.

Diese Themen, wie auch die Automobilkrise, waren schon vor Corona existent. Mit Corona kommt jetzt noch die für uns sehr wichtige Branche Aerospace als Sorgenkind hinzu. Es wird momentan in der Raumfahrt sowie im militärischen Bereich Einiges investiert. Doch die Investitionen innerhalb der zivilen Luftfahrt werden vorerst auf einem niedrigen Niveau bleiben und erst wieder ansteigen, wenn wieder mehr Reisen stattfinden und somit mehr Flugzeuge am Himmel sind. Im Moment ist die Situation in dieser Branche fatal. Doch es sollte langsam wieder besser werden und langfristig auch umweltfreundlichere Lösungen für die Luftfahrt geben.

Noch eine Fachfrage: Was würden Sie unternehmen, wenn Sie Greta Thunberg wären?

Franz Xaver Bernhard: (Lacht abermals) Sie kommen mit Fragen um die Ecke! Aber im Ernst. Es ist sicher nicht verkehrt, dass unsere Jugend zu diesem Thema rebelliert und verlangt, dass man da mal genauer hinschaut.

Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, langfristig zu denken. Die Politik wie auch die Industrie tun gut daran sich Gedanken zu machen, wie man CO2 reduzieren oder sogar vermeiden, und die Umwelt schützen kann. Doch man muss dabei genau hinschauen. Wenn es keine Kohlekraftwerke oder Atomkraftwerke mehr gibt, aber auch kein Wind bläst oder die Sonne nicht scheint, möchte ja trotzdem jeder seine Pizza in den warmen Backofen schieben. Wir, die Industrie und die Politik, müssen gemeinsam einen Weg finden, um das eine Ziel CO2 Einsparung aber auch das andere Ziel die Energieversorgung sicherzustellen. Das ist sicher nicht einfach, aber wenn alle miteinander reden sollte es möglich sein, Lösungen für einen vernünftigen Übergang zu finden.

Ist es realistisch, eine Co2-freie Werkzeugmaschine herzustellen?

In der jetzigen Situation ist das schwierig. Ich bin sicher, dass man sich schon lange darüber Gedanken macht, wie man beispielsweise die für die Guss- oder Stahlherstellung eingesetzten Hochöfen mit Wasserstoff anstatt mit Gas betreiben kann. Aber da haben wir als Maschinenhersteller keinen direkten Einfluss darauf.

Wir als Unternehmen können nur darauf schauen, dass wir so sauber wie möglich unsere Maschinen herstellen. Das fängt schon damit an, lange Transportwege zu vermeiden.

Franz-Xaver Bernhard Firma: „Unsere Aufgabe ist es, die Prozesse zu automatisieren und beherrschbar zu machen“

Und damit haben wir bereits vor vielen Jahren begonnen. Wir haben mit unserer hohen Fertigungstiefe schon viel erreicht. Sowohl unsere neue Blechfertigung als auch unser Mineralgusswerk in Zimmern o.R. sind in unmittelbarer Nähe unserer Produktion und Montage in Gosheim wie auch unserer der Lieferanten. Gerade die Herstellung unserer Mineralguss-Maschinenbetten erfordert deutlich weniger Energieaufwand als die Herstellung von Grauguss-Maschinenbetten.

Ein anderes Thema ist die Energiegewinnung aus Blockheizkraftwerken. Die Abwärme zu nutzen um mit der dadurch gewonnenen Energie wieder zu kühlen spart enorm viel Energie.

Der Kauf von Umweltzertifikaten ist auch eine Möglichkeit, die Co2-Neutralität zu erreichen. Doch dies ist eine Art Ablasshandel und nicht Hermle-Philosophie. Unser Ziel ist es, so energieeffizient wie möglich zu sein. Ehrlicherweise nicht nur aus Umweltaspekten sondern auch um die Kosten zu reduzieren.

Ist Kostenreduzierung oder Prozessoptimierung gerade in Krisenzeiten nicht noch mehr denn je zur Herausforderung für Unternehmen geworden? Ist Hermle auf dem Weg zur Smart-Factory?

Von der Seite gesehen ja. Doch es gibt da ja noch viele andere Prozesse in unserem Haus die man dem Thema Smart-Factory zuordnen muss.  Z.B. wie kommt die richtige Information zur richtigen Zeit an den richtigen Platz. Oder was sind die optimalen Auslastungsgrade auf welcher Maschine? Solche Dinge müssen wir vorantreiben. Und das tun wir mit digitalen Bausteinen, die wir sowohl in unserem Haus verwenden als auch unseren Kunden anbieten. Es geht darum Blindleistungen, wie z.B. Suchen, Rückfragen oder Mails hin und her zu senden, zu verhindern. Also smarter werden.

Die Werkzeugverwaltung ist da ein gutes Beispiel. Ist die gerade freie Maschine auch die richtige oder ist es besser noch zu warten, bis die andere, mit den optimalen Werkzeugen bestückte Maschine frei wird? Das gleiche gilt genauso für die Planung von Vorrichtungen. Mit unseren digitalen Bausteinen haben wir in unserer Fertigung schon vieles optimiert und geben dieses Know-How auch an unsere Kunden weiter. Da sind wir auf einem guten Weg und haben auch Erfolge vorzuweisen.

Das heißt, dass Hermle seine Praxiserfahrungen oder sein Wissen aus dem eigenen Unternehmen, an seine Kunden weitergibt?

Grundsätzlich sind wir ja mit den gleichen Themen konfrontiert, wie unsere Kunden. Wir haben beispielsweise das Thema Kühlmittel, die Späneentsorgung oder die mannlose Fertigung. Wie kann ich z.B. wegen einer Kleinigkeit entstandene Stillstände in der Nachtschicht vermeiden? Mit diesen Dingen sind wir jeden Tag konfrontiert. Aus diesen Themen sind viele Gedanken und Ideen bei uns entstanden, wie man die Prozesse verbessern kann. Und daraus sind auch unsere digitalen Bausteine hervorgegangen, die wir Schritt für Schritt für bzw. bei unseren Kunden einsetzen. Da sind wir auf einem guten Weg. Und dadurch haben wir auch einen sehr guten Zugang zu unseren Kunden, wenn sich diese mit dem Thema Automatisierung auseinandersetzen.

Das fängt bei uns mit einem einfachen, klassischen Palettenwechsler an, geht über das Handlingsystem HS flex und HS flex heavy an, also einem System das im Wesentlichen fertig aufgerüstete Paletten beinhaltet, lagert und dann zum gewünschten Zeitpunkt raustransportiert.
Der nächste Schritt sind verschiedenste Robotersysteme die sich im wesentlichen durch die Transportgewichte unterscheiden. Die Königsklasse sind dann Robotersysteme als Linearverkettung. Hier fährt der Roboter auf einer Linearachse zwischen mehreren Bearbeitungszentren und/oder auch Reinigungs- und Messstationen. Und dann haben wir aber schon ganz andere Anforderungen z.B. an die bereits erwähnte Werkzeugverwaltung oder an die optimale Abarbeitung der Paletten. Welche Palette passt zu welcher Maschine oder habe ich sogar eine gemischte Fertigung? Habe ich eine mit Vorrichtungen bestückte Palette und daneben ein Lager mit Rohteilen, die ich dann in die Vorrichtungen transportieren muss und nach der Fertigbearbeitung wieder zurück? Dafür haben wir Lösungen bis hin zu größeren, kompletten Anlagen, wo wir die Werkzeugverwaltung und die Werkstücktransporte automatisieren. Und nicht zuletzt bieten wir Lösungen für die Integration solcher Automationslösungen in die EDV-Systeme beim Kunden. Da haben wir gerade erst einen Auftrag erhalten, bei dem wir 12 Maschinen komplett autark, sowohl mit dem Werkstücktransport als auch mit dem Werkzeugtransport vernetzen.. Die Organisation der Anlage übernimmt eine übergeordnete Software. Mit so einer Lösung nimmt der Kunde uns dann auch ab, dass wir verstehen, was bei der Automation wirklich wichtige Punkte sind.

Jetzt sind wir beim Thema Automatisierung. Hermle hat bereits vor 22 Jahren begonnen, eigene Automatisierungslösungen zu entwickeln. Im vergangenen Jahr haben sie berichtet, dass über 30% der Hermle Maschinen mit Automatisierung an die Kunden ausgeliefert wurden. Geht der Trend weg von der Einzelmaschine und hin zum automatisierten Fertigungssystem?

Einzelmaschinen sind je nach Anwendung immer noch sinnvoll. Doch die Automatisierung kommt aus Gründen der Wirtschaftlichkeit immer mehr.

Mir ist wichtig, dass Hermle als Partner wahrgenommen wird, der Lösungen aus einer Hand bietet und diese, und das ist ganz wichtig, auch beherrscht. Ein Vorteil ist mit Sicherheit, dass der Kunde bei uns die Maschine, die für ihn die Richtige ist, und das geeignete Automationspaket auszuwählen, und bei uns in der Fertigung oder im Showroom anzuschauen kann. Bei uns bekommt er alles aus einer Hand. Wir kaufen unsere Automationslösungen nicht ein. Hermle Automationslösungen sind auch Hermle Produkte. Uns ist es wichtig, dass unsere Mitarbeiter unsere Produkte und Systeme beherrschen und unsere Kunden von der Beratung bis zum Servicefall kompetent und qualifiziert unterstützen können. Und darum ist es nach meiner Meinung ein Vorteil, eigene Systeme und nicht zugekaufte Systeme von Drittanbietern anzubieten.

Wir werden im nächsten Frühjahr schon wieder mit einem neuen Automationsprodukt an den Markt kommen und wir entwickeln weiterhin neue Bausteine, um möglichst einfach und sicher, automatisiert fertigen zu können.

Hermle setzt stark auf die Entwicklung von Automationslösungen. Gibt es auch Neues bei der Kernkompetenz Bearbeitungszentren?

Handlingsystem HS flex heavy mit zwei Speichermodulen adaptiert an ein 5-Achsen Bearbeitungszentrum C 650 im Schnittbild

Auch wenn wir jetzt keine Neuheit ankündigen heißt das ja nicht, dass unser aktuelles Maschinen-Portfolio nicht weiterentwickelt wird und wurde. Grundsätzlich sind unsere Maschinen ja sehr wettbewerbsfähig und gefragt. Und wir arbeiten auch ständig daran, die bestehenden Maschinen zu verbessern. Nach gut schwäbisch, pragmatischem Ansatz wird daraus nicht gleich jedes Mal eine Weltneuheit.

Aber frische Maultaschen gibt es wieder auf der Hausausstellung in Gosheim?

Da gehe ich und die ganze Hermle-Mannschaft davon aus. Es hat uns alle dieses Jahr schwer getroffen, erstmals unsere traditionelle Hausausstellung Corona bedingt ausfallen lassen zu müssen. Das war ein sehr harter Schlag. Aber wir sind optimistisch, 2021 wieder eine Hausausstellung, wenn auch mit verschärften Hygienebedingungen, durchführen zu können.

Noch ein Wort zum Thema Corona?

Das Thema hat uns, wie auch alle anderen natürlich hart getroffen. Zum einen natürlich wirtschaftlich, aber auch hinsichtlich der Kommunikation mit unseren Kunden. Und Online-Veranstaltungen wie z. B. Webinare, Videokonferenzen oder auch einfache Telefonate, können den persönlichen Kontakt bei Weitem nicht ersetzen.

Bei mir hat die Nachricht über die neuen Wirkstoffe wie eine Bombe eingeschlagen. Darum sehe ich Hoffnungsvoll in die Zukunft und freue mich darauf, unser bekanntes Portfolio, die neue Automationslösung und auch die traditionellen Maultaschen auf unserer Hausausstellung 2021 präsentieren zu können.

Das Interview führte unser Redakteur Frank Dietsche im Dezember 2020.

Kontakt:

www.hermle.de