Interview: Ein Jahrhundert EMUGE-FRANKEN

Als am 20.5.1920 der Grundstein von EMUGE-FRANKEN gelegt wurde, dachte noch niemand daran, was 100 Jahre später passiert. Im Mai feiert der Hersteller von Präzisionswerkzeugen ein Firmenjubiläum unter besonderen Bedingungen. Der Geschäftsführer Gerhard Knienieder äußert sich zur aktuellen Situation.

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Die Geschäftsführer Helmut Glimpel, Sohn des Firmengründers Richard Glimpel, und Gerhard Knienieder sind zuversichtlich, dass sie die aktuellen Herausforderungen meistern und neue Chancen nutzen werden.

ZT: 100 Jahre EMUGE-FRANKEN – Sind Sie in Feierlaune?

Gerhard Knienieder: Januar und Februar waren wir noch alle in Hochstimmung! Die Feierlaune vom Jahresanfang verlief dann leider umgekehrt-proportional zur eskalierenden Corona-Pandemie. Ungeschmälert bleibt jedoch die Dankbarkeit über das Erreichte in den 100 Jahren und die Gewissheit, dass EMUGE in den vergangenen 100 Jahren schon andere Krisen überstanden hat. Wir werden gemeinsam mit der Belegschaft auch die aktuellen Herausforderungen meistern!

ZT: Wie sehen die Feierlichkeiten zum Firmenjubiläum aus? Feiern Sie per Video-Chat?

Gerhard Knienieder: Die große, bereits vollkommen durchorganisierte Feier mit über 2000 Mitarbeitern aus dem In- und Ausland hätte Mitte Mai stattfinden sollen. Aufgrund der notwendigen Kontakteinschränkungen und der Verfügungen der Regierung mussten wir sie selbstverständlich absagen. Obwohl es für alle nachvollziehbar ist, bedauert es doch jeder, denn es wäre als großes „Dankeschön“ für alle ehemaligen und aktiven Mitarbeiter gedacht gewesen. Auch eine Verschiebung um einige Monate oder auch ein ganzes Jahr ist natürlich angesichts der sicherlich bis in 2021 hineinreichenden Corona-Auswirkungen noch nicht planbar. Wir werden aber ganz bestimmt in der Zukunft einen Rahmen finden, um doch noch mit allen zu feiern.

ZT: Welche Maßnahmen hat EMUGE-FRANKEN getroffen um einerseits die Mitarbeiter zu schützen aber anderseits auch lieferfähig zu sein?

Gerhard Knienieder: Als die Tragweite der Corona-Pandemie Anfang März täglich deutlicher wurde, haben wir uns einerseits entschlossen, die Produktion nicht einzustellen, denn unsere Werkzeuge sind für viele Kunden wichtiger Teil ihrer Fertigung. Andererseits wollten wir einen maximal möglichen Ansteckungsschutz für unsere Mitarbeiter gewährleisten. Um beides unter einen Hut zu bringen, haben wir nahezu jede Abteilung in 2 Gruppen unterteilt, die sich dann nicht mehr begegnen durften. Sowohl in der Produktion als auch in den Büroabteilungen. Auch Homeoffice hat dabei eine wichtige Hilfestellung geleistet. Natürlich haben wir außerdem die üblichen Empfehlungen wie Abstand und Hygiene beherzigt. Die Vorkehrungen sollten sicherstellen, dass – falls eine Gruppe vom Gesundheitsamt in Quarantäne geschickt würde – die andere Gruppe als Backup immer noch einspringen kann. Glücklicherweise ist dieser Fall bis heute nicht eingetreten!

In „normalen Zeiten“ hätte so eine Organisation sicherlich Wochen gedauert… unter den Eindrücken der Krise ging es in 3 Tagen. Es hat mich sehr beeindruckt, wie zielorientiert unsere Mannschaft in dieser Ausnahmesituation zusammengearbeitet hat!

ZT: Noch im Januar, also vor Corona, verkündeten Sie als Präsidiumsmitglied des Verbandes VDMA Präzisionswerkzeuge eine, aufgrund der Entwicklungen z.B. bei den Verbrennungsmotoren oder der weltwirtschaftlichen Entwicklungen, eher zurückhaltende Prognose für 2020. Danach kam Corona hinzu. Wie beurteilen Sie die neue Situation?

Gerhard Knienieder: Keine der Prognosen vom Jahresanfang 2020 hat die Corona-Pandemie und ihre Folgen für die Wirtschaft berücksichtigen können. Es ist eine ein- und erstmalige Situation, in der wir uns befinden. Nach den absolut nachvollziehbaren Sofortmaßnahmen zum Gesundheitsschutz von Regierungsseite wird auf ökonomischer Seite die Industrie, unsere Kunden und auch unsere Branche die Nachwehen zu spüren bekommen. Als Beispiel: ein großer Teil der globalen KFZ-und Zulieferbranche hat den Betrieb für einige Wochen eingestellt. In dieser Zeit werden keine Zerspanungswerkzeuge verbraucht. Auch das synchrone Wiederhochfahren der globalen Lieferketten wird für viele unserer Kunden eine Herausforderung. Unsere Präzisionswerkzeugbranche ist davon natürlich stark beeinflusst und das weitere Jahr 2020 wird bestimmt nicht rund laufen! Die mittelfristige Nachfrageentwicklung im Anschluss an die Corona-Krise ist natürlich ganz entscheidend! Und hier sind wir vom nationalen und globalen Wachstum sowie der Investitionsbereitschaft abhängig. Sicherlich helfen hier die immensen finanziellen Mittel, die von staatlicher Seite in die Wirtschaft gepumpt werden sollen. Dennoch: belastbare Prognosen sind derzeit kaum möglich. Wir planen in Szenarien und steuern auf Sicht. Die Möglichkeiten der Kurzarbeit in Deutschland helfen dabei sehr!

ZT: Die Politik hat auf die Corona Entwicklung schnell reagiert. Waren die Maßnahmen aus ihrer Sicht sinnvoll oder sehen Sie Nachholbedarf?

Gerhard Knienieder: Ich stehe voll hinter den getroffenen Maßnahmen, auch den persönlichen Einschränkungen, die uns auferlegt wurden. Auch das Timing scheint mir – im internationalen Vergleich – gelungen. Der Gesundheitsschutz musste am Anfang Priorität 1 haben, alles andere hatte sich richtigerweise unterzuordnen. Die deutschen Regelungen zur Kurzarbeit sollten andere Industrieländer als Vorbild nehmen.

ZT: Weltweit sind nahezu alle wichtigen Volkswirtschaften von der Krise betroffen. Welche Auswirkungen sehen Sie für EMUGE-FRANKEN und auch für den Exportweltmeister Deutschland kommen?

Gerhard Knienieder: Ähnlich der Finanzkrise 2008/2009 ist auch die Corona-Krise wegen ihrem synchronen, globalen Auftreten in allen Märkten besonders einschneidend, noch dazu mit einer extrem kurzen Vorwarnzeit. In der Krise 2008/2009 haben wir erfahren, dass nicht die Tiefe des Falls das wirklich schlimme ist, sondern die Zeitdauer der Wirkung. 2008 ging es ähnlich tief abwärts, jedoch konnten wir uns schon nach relativ kurzer Zeit über einen starken Aufschwung, der fast 10 Jahre anhielt, freuen. Gerade der starke Industriestandort Deutschland, unsere Branche der Präzisionswerkzeuge und unser EMUGE-FRANKEN Unternehmensverbund haben von diesem Globalisierungsschub profitiert. Daher meine Erwartung: erst wenn die Corona-Krise die Wirtschaft wirklich lange lähmt, werden auch langfristige, negative Auswirkungen bleiben. Positiv gesehen: ein guter Aufschwung im Jahr 2021 ist durchaus realistisch. Davon würde sicherlich auch unsere Präzisionswerkzeugbranche sehr profitieren, da wir mit innovativen Werkzeugen am Puls der Zeit arbeiten.

ZT: Welche Herausforderungen sehen Sie auf die Hersteller von Präzisionswerkzeugen aus technologischer Sicht zukommen? Wird sich das Produktportfolio von EMUGE-FRANKEN verändern?

Gerhard Knienieder: Aus technologischer Sicht werden neue Mobilitätskonzepte und die fortschreitende Digitalisierung den Wandel in unserer Branche antreiben. Mit jedem Wandel sind Chancen und Risiken verbunden. Während einerseits der Bedarf an Zerspanungswerkzeugen bei reinen E-Antrieben deutlich niedriger als bei Verbrennungsmotoren ist, wird andererseits neuer Bedarf durch neue Fahrzeugkomponenten entstehen. Nach heutigen Erwartungen wird in Summe der Werkzeugbedarf pro Fahrzeug jedoch sinken. Wir werden somit andere Märkte und neue Anwendungen erschließen müssen, wenn wir unsere Position halten wollen. Sicherlich bleiben wir unserem EMUGE-FRANKEN-Kernprogramm der Gewinde-, Fräs– und Spanntechnologie treu, jedoch sind wir offen für komplett neue Produkte, sollten neue Anwendungen dies erfordern. Zur Digitalisierung: hier sehe ich für uns Hersteller einige Chancen, z.B. können unsere Produkte mit Elektronik (IOT) „intelligent“ werden. Weiterhin bieten sich neue Vernetzungschancen mit unseren Kunden an. Jedoch muss das entsprechende Know-how in den Unternehmen, auch bei uns, noch gestärkt werden.

ZT: 100 Jahre sind ein beeindruckendes Firmenjubiläum. In dieser Zeit gab es viele Höhen und Tiefen. Welche Ereignisse haben das Unternehmen besonders geprägt?

Gerhard Knienieder: Einerseits gaben über diese Zeitspanne neue Produkte wesentliche positive Impulse, da sie dem Anwender relevante, wirtschaftliche Verbesserungen brachten. Nehmen wir beispielsweise das Softsynchro-Gewindeschneidfutter, welches Ende der neunziger Jahre mehr Wirtschaftlichkeit für die Gewindefertigung ermöglichte. Oder den Kreissegmentfräser mit seinem enormen Zeiteinsparungspotential, den wir als Pionier in unserer Branche für Schlichtanwendungen einführten. Mit der völlig neuen Kinematik des Punch Tap konnten wir sogar eine neue Gewindetechnologie entwickeln, unsere neueste Entwicklung EMUGE Taptor vereint zwei Werkzeuge in Einem. Dies sind nur einige Beispiele unserer zahlreichen Produktentwicklungen, die den Erfindergeist unseres Firmengründers weitertragen und uns prägen.

Anderseits prägen natürlich auch Krisen das Unternehmen und vor allem den Unternehmer. In den ersten Jahrzehnten musste unser Firmengründer Richard Glimpel das Unternehmen durch die Weltwirtschaftskrise und den 2. Weltkrieg steuern. Der Grundstein für viele prägende Leitlinien wurde damals gelegt: Erhalt der Unabhängigkeit und solides Wirtschaften gehört ebenso dazu wie Vorsorge in guten Zeiten treffen. Alles Handlungsmuster, die Richard Glimpel in die DNA von EMUGE geschrieben hat und die bis in unsere heutige Generation wirken.

ZT: Ein Unternehmen das 100 Jahre alt geworden ist hat Vieles richtig gemacht. Was ist das Erfolgsrezept von EMUGE-FRANKEN?

Gerhard Knienieder: Vor 100 Jahren wurde EMUGE mit der Entwicklung eines Gewindebohrers von Richard Glimpel gegründet. Seit dieser Zeit wurden die Produkte und Kunden in den Mittelpunkt gestellt. Nur mit guten und immer wieder neuen Problemlösungen bleiben wir für die Kunden als langfristiger Lieferant attraktiv. Dazu benötigt es natürlich fähige und engagierte Mitarbeiter, sowohl in der Fertigung als auch im Büro, von der Entwicklung bis zum Vertrieb. So konnte das Unternehmen über die lange Zeit Schritt für Schritt aufgebaut werden. Wichtig war natürlich, dass Chancen, wie z.B. die Globalisierung, ergriffen wurden. Die Investition in eine rationelle und moderne Fertigung war daneben Voraussetzung für das Wachstum.

Wir sehen die Unternehmensentwicklung immer schon als Marathon, nicht als Sprint.

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