Entwicklungsstufen einer Schicht für den Bohrprozess

Produktziel war eine moderne Bohrerschicht für unterschiedliche Belastungen in Stahl und Gusseisen, die über ein breites Einsatzfeld deutliche Leistungssteigerungen ermöglicht. Wie eine solche ganzheitliche Schichtentwicklung gelingt, zeigt Oerlikon Balzers am Beispiel von BALINIT OPTURA.

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Ein systematischer Versuchsaufbau half Störeinflüsse zu minimieren. Insgesamt wurden im Zerspanungslabor von Oerlikon Balzers über 40 Schichtvarianten mit mehr als 400.000 Bohrungen getestet. © Oerlikon Balzers

Die Vorgabe war ambitioniert: eine Standzeitsteigerung von mindestens 30 Prozent in verschiedensten Bohranwendungen. „Unser zentraler Ansatz bestand darin, bewusst nicht mit der Schichtentwicklung zu beginnen“, erläutert Dr.-Ing. Ivan Iovkov, der in der Forschung & Entwicklung von Oerlikon Balzers die Entwicklung von BALINIT OPTURA maßgeblich prägte. Stattdessen wurde in einem vorgelagerten Projekt über ein Jahr zunächst eine belastbare Testmethodik für Bohrprozesse erarbeitet. Ziel war eine hohe Vergleichbarkeit der Ergebnisse und saubere Trennung der Einflussfaktoren, um eine verlässliche Datenbasis für die spätere Entwicklung zu gewinnen.

In Industrietests erzielte BALINIT OPTURA Standzeit-Verbesserungen von rund 50 % und mehr beim Bohren von niedrig- und hochlegierten Stählen. Die Schicht deckt ein breites Einsatzspektrum ab und ist von moderaten bis zu höchsten Schnittgeschwindigkeiten einsetzbar. © Oerlikon Balzers

Alle Werkzeuge, Substrate, Schneidkanten- und Mikrogeometrien wurden systematisch charakterisiert. Die Tests wurden auf Hochleistungseinsätze wie auch auf moderate Schnittwerte ausgelegt. Weitere Schwerpunkte lagen auf gezielter Wärmebehandlung und detaillierter Werkstoffanalyse. Jede Versuchsplatte wurde durch Härte- und Kraftmessungen an definierten Positionen charakterisiert, um Chargenschwankungen und Materialinhomogenitäten zu erfassen. Um deren Einfluss auszugleichen, wurde die Reihenfolge der Bohrungen randomisiert.

Vor der Schichtentwicklung wurde über mehr als ein Jahr eine belastbare und praxisnahe Testmethodik für Bohrprozesse erarbeitet. Dabei wurden die eingesetzten Werkzeuge sehr genau charakterisiert.© Oerlikon Balzers

Erweiterte Messtechnik und moderne Sensorik halfen, Vorschubkräfte und Bohrmomente über komplette Versuchsreihen hinweg zu erfassen. Die Daten lieferten wertvolle Hinweise auf die Verschleißentwicklung und die zugrunde liegenden Mechanismen im Prozess. Durch den Einsatz modernster Hydrodehn-Werkzeugspanntechnik ließen sich schwingungsbedingte Einflüsse reduzieren. Die Mikroskopie der Verschleißentwicklung erfolgte teils automatisiert, die Auswertung datenbasiert und teilweise KI-gestützt.

Schichtauslegung basiert auf Verschleißmechanismen

Über die kompletten Versuchsreihen hinweg wurden Vorschubkräfte und Bohrmomente mithilfe moderner Sensorik erfasst. Diese Daten lieferten wertvolle Hinweise auf die Verschleißentwicklung sowie die zugrunde liegenden Mechanismen im Prozess.© Oerlikon Balzers

Auf Basis der Ergebnisse dieser systematischen Versuchsmethodik wurde die neue Beschichtung gezielt an den realen Verschleißmechanismen ausgerichtet. Statt einzelne Eigenschaften zu maximieren, stand das optimale Zusammenspiel im Prozess im Fokus. Während beim Bohren in ferritischen Stählen vor allem adhäsive und thermische Belastungen auftreten, dominieren bei gehärteten Stählen und Gusseisen abrasive und stoßartige Beanspruchungen. Das TiAlN-basierte Mehrlagen-Schichtsystem verbindet daher hohe Warmhärte mit ausreichender Zähigkeit und kontrollierter Duktilität.

Ein wichtiger Entwicklungsschritt war die gezielte Reduzierung der Eigenspannungen. Dies ermöglicht größere Schichtdicken ohne erhöhtes Abplatzrisiko – ein Vorteil besonders für anspruchsvolle Bohranwendungen und wiederaufbereitete Werkzeuge. Das Multilayer-Design stabilisiert zudem die Schneidkante und unterstützt gleichmäßigen Verschleiß ebenso wie hohe Prozesssicherheit.

Das TiAlN-basierte Mehrlagen-Schichtsystem von BALINIT OPTURA kombiniert hohe Warmhärte mit gezielt eingestellter Zähigkeit bzw. kontrollierter Duktilität und wird damit unterschiedlichen mechanischen und thermischen Anforderungen in Bohrprozessen gerecht. © Oerlikon Balzers

Validierung in der Industrie

Im eigenen Zerspanungslabor wurden über 40 Schichtvarianten mit mehr als 400.000 Bohrungen getestet. Industriepartner begleiteten die Entwicklung mit Praxistests und -erfahrungen. Die Ergebnisse zeigten durchweg eine deutlich verbesserte Prozessstabilität und im Durchschnitt über 50 Prozent höhere Standzeiten gegenüber bestehenden Lösungen.

Die Leistungsfähigkeit von BALINIT OPTURA zeigt sich nicht nur in klassischen Anwendungen wie 42CrMo4+QT. In weicherem C35-Stahl stieg die Zahl der Bohrungen gegenüber einer AlTiN-basierten Lösung um rund 57 Prozent.

In hochfestem Stahl verbesserte sich die Standzeit gegenüber einem wiederaufbereiteten VHM-Bohrer mit Doppelbeschichtung um etwa 89 Prozent. Beim Tiefbohren in Gusseisen erhöhte sich die Standmenge gegenüber einer AlTiN-basierten Standardlösung um mehr als 80 Prozent.

Im Ergebnis unterstützt die Schicht längere Standzeiten, weniger Werkzeugwechsel und eine effizientere Wiederaufbereitung. „Die ganzheitliche Entwicklung von BALINIT OPTURA zeigt, dass das gezielte Zusammenspiel aus Testmethodik, Prozessverständnis, Werkstoffanalyse, Schichtdesign und industrieller Validierung zu überzeugenden Lösungen führt, die neue Maßstäbe setzen können“, resümiert Dr.-Ing. Ivan Iovkov.

Kontakt:

www.oerlikon.com/balzers/de