Federico Costa – Der neue ECTA-Präsident im Interview

Mit dem italienischen Geschäftsführer von Febametal, Federico Costa, konnte die European Cutting Tools Association (ECTA) einen Nachfolger für Markus Horn gewinnen. Ein wichtiges Amt in schwierigen Zeiten. Herr Costa stand gerne für ein Interview zur Verfügung.

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Federico Costa – Der Nachfolger von Markus Horn als ECTA-Präsident Bild: ECTA

(Zerspanungstechnik.de) Herr Costa, Sie haben 2023 die Präsidentschaft der European Cutting Tools Association (ECTA) von Markus Horn übernommen und repräsentieren die europäischen Hersteller von Schneidwerkzeugen und Spanntechnik. Was genau macht die ECTA?

Die ECTA – European Cutting Tools Association – ist der europäische Verband der Hersteller von Zerspanwerkzeugen und Spannmitteln sowie deren nationalen Verbänden. Die ECTA dient den europäischen Unternehmen der Branche als zentrale Plattform, um sich untereinander zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen und miteinander zu kooperieren. Dabei gilt es unter anderem, aktuelle Themen aus Wirtschaft und Politik in der Branche zu diskutieren. Dazu organisiert die ECTA jährliche Konferenzen als Forum für den Meinungsaustausch. Alle drei Jahre wird mit den Partnerverbänden in Japan (JTA) und den USA (USCTI) die WCTC – World Cutting Tools Conference durchgeführt, welche in Asien, Europa oder auf dem amerikanischen Kontinent stattfindet. Und dazwischen lädt die ECTA jedes Jahr zur ECTC – European Cutting Tools Conference – ein. Zu den Aufgaben der ECTA zählt auch die Förderung des Branchenimages.

(ZT.de) Welche Ziele oder Schwerpunkte haben Sie sich, in einer derzeit schwierigen Weltsituation, für Ihre Amtszeit vorgenommen?

Die derzeitige globale Situation ist in der Tat sehr komplex und gekennzeichnet durch geopolitische Bedrohungen, hohe Inflation, Ungewissheit hinsichtlich des technologischen Fortschritts, insbesondere des Einsatzes von KI in vielen Sektoren und nicht zuletzt durch einen wirtschaftlichen Abschwung, um nur einige zu nennen. Außerdem ist 2024 ein Jahr, das von wichtigen Wahlen geprägt ist. In Europa wurde gerade das Europaparlament gewählt. Und wir sind sehr gespannt, wie sich die Ergebnisse insbesondere in Deutschland und Frankreich, die eine zentrale Rolle in der europäischen Wirtschaft spielen, auf die europäische Wirtschaftspolitik auswirken werden. Die Parlamentswahlen in Indien, einem Land mit einer aufstrebenden Wirtschaft, sind ebenfalls gerade beendet. Premierminister Narendra Modi wurde zwar wiedergewählt, verlor aber die absolute Mehrheit, was Auswirkungen auf die Fortschritte bei einigen der politisch sensiblen Wirtschaftsreformen haben könnte. Die mit größter Spannung erwarteten Wahlen des Jahres finden jedoch im November in den USA statt. Biden und Trump haben sehr unterschiedliche Visionen und Strategien, die einen großen Einfluss auf die europäische Wirtschaft in einem ihrer wichtigsten Märkte haben werden.
Ich denke, dass die ECTA in dieser von Unsicherheit geprägten Zeit mehr denn je einen Bezugspunkt und eine Stärke für alle europäischen Zerspanwerkzeughersteller darstellen sollte. Für meine Amtszeit wünsche ich mir, dass sich die ECTA als Diskussionsforum für Themen von gemeinsamem Interesse verstärkt, um die Interessen der gesamten europäischen Zerspanungsindustrie zu fördern.
Außerdem lautet das Motto meiner Präsidentschaft „(Junge) Talente“, denn es ist mein großer Wunsch, in jungen Menschen die Leidenschaft für unsere Industrie, insbesondere für technische Berufe, zu entfachen.

(ZT.de) Der Fachkräftemangel ist für die Präzisionswerkzeughersteller in Deutschland und auch in den europäischen Ländern ein großes Problem. Welche Möglichkeiten sehen Sie, die Situation im Fachkräftemangel zu verbessern?

Federico Costa – ECTA-Präsident im und Geschäftsführer von Febametal im Interview mit Zerspanungstechnik.de Bild: ECTA

Meiner Ansicht nach müssen wir mehr (junge) Menschen für die technischen Berufe gewinnen. Dazu gehört auch die Begeisterung der Menschen für technische Studiengänge und Ausbildungen. Möglichkeiten können sich dabei durch die stärkere Kooperation zwischen Schulen und Unternehmen, die Anerkennung von Kompetenzen und Wertschätzung der Facharbeit oder auch der Verbesserung der Qualität in der Ausbildung ergeben.
Weiter gilt es konkret, die Potenziale in der Beschäftigung weiter zu fördern. Es müssen dafür mehr junge Leute zum Schulabschluss geführt oder die älteren qualifizierten Mitarbeitenden länger beschäftigt werden. International gilt es verstärkt, die Attraktivität des Beschäftigungsstandorts Europa zu erhöhen und vor allem auch die Bürokratie zur Fachkräfteeinwanderung abzubauen, um die Vermittlung von Zeitarbeit zu ermöglichen und zuzulassen.

(ZT.de) Haben Sie Ideen, wie mehr junge Menschen wieder zu einer Ausbildung oder einem Studium im Metallbereich motiviert werden können?

In einigen Ländern wurden zur Motivation von jungen Menschen zu einer Ausbildung oder einem Studium im Metallbereich Projekte gestartet.
In Italien zum Beispiel gibt es ein Projekt namens “Robotgames”.
Robotgames ist ein Wettbewerb für Robotik und Automatisierung, an dem Schülerinnen und Schüler aus naturwissenschaftlichen Gymnasien teilnehmen. Ziel dieses Wettbewerbs ist die Entwicklung eigener Prototypen im Bereich der Roboterautomatisierung mit spezifischen Anforderungen.
Deutschland hat kürzlich den Startschuss für die Nachwuchskampagne “Talentmaschine” gesetzt. Die Kampagne verfolgt das Ziel, durch gemeinsame Botschaften und sichtbare Aktionen junge Menschen für eine Karriere im Maschinen- und Anlagenbau zu begeistern. Eine Möglichkeit zur Umsetzung dieses Ziels ist die Videoaktion “Role-Models für eine Karriere mit Technik”. Bei dieser Aktion werden junge Mitarbeitende aus Ihrem Unternehmen dazu aufgerufen, kurze Videobotschaften zu erstellen und anschließend zu teilen, um junge Menschen zu inspirieren, ihnen nachzueifern.
Spanien bietet Projekte wie das “Global Training Scholarship” an. Das Projekt wendet sich an junge Berufstätige zum Erwerb von internationalen Erfahrungen und Kompetenzen, zum Beispiel im technischen Sektor. Demzufolge bieten Unternehmen die Möglichkeit, junge Berufstätige sechs Monate kostenfrei aufzunehmen und Einblicke in das Unternehmen zu verschaffen. Darüber hinaus schaffen EuroSkills und WorldSkills wichtige Eckpunkte in Hinblick auf die Attraktivität von Berufen im Maschinenbau.

(ZT.de) Europaweit klagen viele Unternehmen über die enorm gestiegene Bürokratie und die damit verbundenen Kosten? Inwieweit kann ein Verband wie die ECTA darauf Einfluss nehmen?

Die ECTA vertritt die wichtigsten Zerspanwerkzeugverbände in Europa, die ihrerseits die nationalen Zerspanwerkzeugunternehmen vertreten. Gemeinsam verfügen wir durch die nationalen Verbände über einen großen Einfluss und müssen uns als wichtiger Gesprächspartner für die an der Rechtsprechung beteiligten politischen Akteure positionieren.
Wir sind uns alle einig, dass Bürokratie ein hemmender Faktor für Investitionen und damit für die Wirtschaft und die Wettbewerbsfähigkeit der Union ist. Dies ist besonders wichtig in einer Zeit, in der die starken Volkswirtschaften der Welt, wie die Vereinigten Staaten und China, mit allen Mitteln versuchen, ihre Wettbewerbsfähigkeit noch weiter zu steigern.
Die Europäische Union braucht eine starke und gesunde Wirtschaft, wenn wir in diesem Szenario wettbewerbsfähig bleiben wollen. Der Abbau bürokratischer Vorgaben ist ein großer Hebel, der sofort Wirkung zeigen würde.

(ZT.de) Ein weiteres Problem sind die gestiegenen Energiekosten. Welche Maßnahmen sind seitens der Politik nötig, um auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in Europa zu sichern?

Ab der zweiten Jahreshälfte 2021 war ein Anstieg der weltweiten Energienachfrage zu verzeichnen, da die wirtschaftliche Entwicklung nach der Covid-19-Pandemie wieder Fahrt aufnahm. Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 erreichten die Gas- und Strompreise im Jahr 2022 ein Rekordniveau, das im August seinen Höhepunkt erreichte.
Die Europäische Kommission reagierte und schlug eine Reihe koordinierter Aktionen und Maßnahmen zur Lösung des Problems vor, um die Abhängigkeit der EU von russischen fossilen Brennstoffen zu beenden und die EU-Länder und deren Bürger bei der Bewältigung der steigenden Preise zu unterstützen. Mit diesen Maßnahmen ist es gelungen, die Preise zu senken. Aber jetzt ist es an der Zeit, sich auf die Zukunft vorzubereiten und eine starke Europäische Union aufzubauen, die sich auf ihre eigenen Energiequellen verlassen kann.
Meiner Meinung nach gibt es drei Möglichkeiten, dieses Ziel zu erreichen: Vorrang für Energieeinsparungen, technologieoffene Förderung einer sauberen Energieerzeugung und Diversifizierung unserer Energieversorgung. Die politischen Maßnahmen der EU und der lokalen Regierungen sollten in diese Richtung gehen, um widerstandsfähiger zu werden.

(ZT.de) Die Welt ist in diesen Zeiten mit vielen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. Wie ist derzeit die Situation bei den europäischen Herstellern von Zerspanungswerkzeugen und Spannmitteln bzw. wie ist die aktuelle Auftragslage?

Im ersten Halbjahr 2024 verlangsamten sich die Aufträge wie vorhergesagt. Zusätzlich zu den schwachen Wirtschaftsprognosen für Europa im Jahr 2024 sind auch weltweit stagnierende Erwartungen im Bereich der Maschinenproduktion zu beobachten. Wir bleiben optimistisch und sehen an einigen Kenngrößen, dass die Konjunktur in der zweiten Hälfte des Jahres 2024 wieder anziehen könnte. Dies ist jedoch auch der Zeitpunkt, an dem die getätigten Investitionen sinnvoll genutzt werden sollten. In diesem Szenario wirtschaftlicher Unsicherheit, das eng mit geopolitischen Szenarien verbunden und alles andere als ermutigend ist, wird es immer wichtiger, auf dem Markt wettbewerbsfähig zu sein. Es gibt viele Themen, an denen die Unternehmen arbeiten müssen, und alle sind gleichermaßen wichtig: künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit, Automatisierung, Digitalisierung, Virtual Reality, Innovation. Das sind die Herausforderungen, denen man sich jetzt stellen muss.

(ZT.de) Sie selbst führen mit Febametal ein Unternehmen dieser Branche. Beschreiben Sie für unsere Leser doch bitte Ihr Unternehmen und Ihre Situation in Italien.

Ich arbeite seit 18 Jahren bei Febametal und bin mittlerweile Geschäftsführer dieses Familienunternehmens. Febametal wurde 1995 in Turin, im Norden Italiens, gegründet und hat es sich zur Aufgabe gemacht, den italienischen Markt mit qualitativ hochwertige Zerspanwerkzeuge zu versorgen. Deshalb entwickeln wir bei Febametal unter anderem mit eigenen Ingenieuren kundenindividuelle Zerspanwerkzeuge und bieten unseren Kunden umfangreiche technische Unterstützung. Kleine Chargen unserer Spezialwerkzeuge stellen wir selbst her. Zusätzlich produzieren wir auch Standardwerkzeuge in einem Joint Venture mit Paul Horn. Daneben sind wir aber auch Vertriebshändler. Die von uns vertretenen Marken sind alle international führend in ihrem Bereich. Neben Horn-Werkzeugen bieten wir modulare und motorisierte Lösungen für die Welt der beweglichen Spindelstöcke von W&F und GRAF, Bohrlösungen mit austauschbaren Einsätzen des amerikanischen Unternehmens AMEC. Ebenso vertreiben wir Bohrwerkzeuge der Firma Wohlhaupter oder Reibahlen der Marke ALVAN sowie Rollierwalzenwerkzeuge von SCAMI. Rineck-Spindeln und Fahrion-Präzisionsspannzangen runden das Angebot von Febametal ab.

In Italien geht es der Branche ähnlich, wie in anderen europäischen Ländern. Das erste Halbjahr 2024 war erwartungsgemäß schwach. Für die zweite Jahreshälfte hoffen wir, dass das Wachstum wieder anzieht, auch dank der neuen Anreize im Rahmen von Transition 5.0. Eine zunehmende Herausforderung für die italienischen Unternehmen neben den weltpolitischen Unsicherheiten ist, dass die arbeitende Bevölkerung schneller altert, als die nächsten Generationen heranwachsen. Deshalb habe ich das bereits erwähnte Motto „(Junge) Talente“ für meine Präsidentschaft gewählt.

(ZT.de) In diesem Jahr steht mit der AMB in Stuttgart eine wichtige Fachmesse an. Werden Sie auch dort sein und auf welchen Branchenevents sind Sie persönlich dieses Jahr anzutreffen?

Natürlich werde ich dieses Jahr an der AMB teilnehmen. Die AMB ist für mich immer ein besonderer Termin in meinem persönlichen Kalender. In diesem Jahr wird es mir mehr denn je ein Vergnügen sein, nicht nur als Geschäftsführer von Febametal, sondern vor allem auch als ECTA-Präsident dabei zu sein. Neben der AMB werde ich auf der 34. BIMU im Oktober in Mailand sein. Die BIMU ist eine im zweijährigen Turnus stattfindende internationale Messe, die sich auf spanende und umformende Werkzeugmaschinen, Roboter, Automatisierungssysteme sowie digitale und additive Fertigung konzentriert. Ich freue mich auf viele interessante Begegnungen und inspirierende technische Innovationen.

Vielen Dank

Kontakt:

www.ecta-tools.org

www.febametal.com