Europäische Werkzeughersteller im Austausch

Im Juli trafen sich die europäischen Präzisionswerkzeughersteller auf der ECTA-Konferenz (European Cutting Tools Association) in Rüschlikon in der Schweiz. Der amtierende ECTA-Präsident Markus Horn zieht ein kurzes Fazit.

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Die europäischen Präzisionshersteller trafen sich auf der ECTA-Konferenz in der Schweiz (Bildnachweis: Dieonlinemagzine.de)

Vom 30. Juni bis zum 2. Juli 2022 fand die ECTA Konferenz der europäischen Werkzeughersteller in Rüschlikon (CJH) statt. Rund um das interessante Programm mit hochkarätigen Vorträgen, diskutierten die internationalen Teilnehmer über Märkte, Trends und die aktuell schwierige Situation.

ZT.de: Herr Horn, Sie haben erstmals in ihrer Amtszeit als Präsident der ECTA, die alle zwei Jahre stattfindende Konferenz geleitet. Sind Sie zufrieden mit der Veranstaltung?

Markus Horn: Die ECTA Conference 2022 war aus meiner Sicht und vor allem nach den Rückmeldungen der rund 100 Teilnehmer mehr als gelungen. Wir haben eine sehr interessante Veranstaltung erlebt mit einer Auswahl hochaktueller Themen. Darüber hinaus waren die unterschiedlichen Sichtweisen spannend – hier haben sich Wirtschaft, Wissenschaft und Verbände ideal ergänzt. Dazu kam der persönliche Austausch, der gerade nach den langen pandemiebedingten Einschränkungen nochmal an Wert hinzugewonnen hat. Ich bin überzeugt, dass jeder etwas Informatives für künftige Entscheidungen mit nach Hause nehmen konnte.

ZT.de: Für was steht die European Cutting Tools Association, kurz ECTA, und was sind deren Aufgaben?

Markus Horn: Die ECTA ist das europäische Netzwerk der Verbände von Zerspanwerkzeugen und Spanntechnik und damit der Hersteller dieser Branchen. Es dient dem Austausch über aktuelle Herausforderungen und Trends in der Branche und wichtigen Kundenindustrien. Wir machen das mit großem Erfolg über jährliche Konferenzen in den Ländern Europas. Alle drei Jahre treffen wir uns mit weiteren Verbänden auf unserer Weltkonferenz (WCTC) abwechselnd in Asien, Europa oder Nordamerika. Gleichzeitig ist die ECTA die europäische Interessenvertretung für die Branchen.

ZT.de: In den Vorträgen wurde viel über die Veränderungen an den Weltmärkten, Herausforderungen und Chancen referiert? Wie sehen Sie als ECTA-Präsident die Situation in den jeweiligen Ländern ihrer Mitglieder bzw. sitzen alle im gleichen Boot?

Der amtierende ECTA-Präsident Markus Horn (Bildnachweis: Dieonlinemagzine.de)

Markus Horn: Prinzipiell sitzen wir Europäer alle im gleichen Boot. Die Coronapandemie hat vor keinem Land Halt gemacht und die Folgen gestörter globaler Lieferketten sowie des Ukrainekrieges sind ebenfalls in ganz Europa zu spüren. Im Detail waren und sind die Auswirkungen dann je nach Kundenstruktur aber auch durch den politischen Umgang mit den Krisen unterschiedlich.

Die Kollegen aus der Schweiz zum Beispiel konnten durch eine – zumindest in der Nachbetrachtung – geschicktere Pandemiepolitik der eidgenössischen Regierung störungsfreier wirtschaften. In Italien stimulierten hohe Sonderabschreibungen die Investitionen und den Werkzeugmarkt. Unsere Mitglieder in Frankreich sehen eine deutlich gestiegene Nachfrage aus der Luftfahrtindustrie, die dort einen deutlich höheren Stellenwert hat als in unseren anderen europäischen Ländern. In Deutschland sehen wir einen gesteigerten Werkzeugbedarf im Maschinenbau, der die Rückgänge in der Automobilindustrie kompensiert.

Aktuell sind die hohen Energiepreise und drohenden Knappheiten ein Thema, das alle unsere Länder betrifft. Ich wünsche mir, dass die Regierungen hier Maßnahmen ergreifen, die nicht nur die Privatverbraucher, sondern auch die Industrieunternehmen im Blick haben.

ZT.de: Die USA und China sind für die Hersteller von Präzisionswerkzeugen nach wie vor wichtige Exportländer. Länder mit sehr unterschiedlichen Mentalitäten und politischen Strukturen. In den Vorträgen von Herr Markus Hermann Chen über China und Frau PD Dr. Claudia Franziska Brühwiler über die USA, wurden die Unterschiede sehr deutlich gemacht. Was müssen die Europäer lernen, um auch in Zukunft erfolgreich auf diesen Märkten operieren zu können?

Markus Herrmann Chen (rechts) und Dr. Claudia Franziska Brühwiler während einer Diskussion zu den Absatzmärkten China und USA. Markus Heseding, Geschäftsführer VDMA Mess- und Prüftechnik sowie VDMA Präzisionswerkzeuge, leitete die Diskussion und glänzte als Moderator der Konferenz. (Bildnachweis: Dieonlinemagazine.de)

Markus Horn: Ich bin sehr froh, dass wir für die Konferenz mit Frau Dr. Brühwiler und Herrn Chen zwei ausgewiesene Kenner unserer beiden wichtigsten Absatzmärkte gewinnen konnten. Sie haben nicht nur die Unterschiede, sondern auch die dem jeweiligen Auftreten und Wirken der Länder zugrundeliegenden Ambitionen und Strategien aufgezeigt. Es wurde klar, dass jedes europäische Unternehmen die weitere Entwicklung genau beobachten und seine Ausrichtung zukünftig entsprechend anpassen muss.

Zwischen China und den USA ist keine Entspannung in Sicht und wir Europäer hängen dazwischen. Autarkie und außenwirtschaftliche Dominanz bleiben ein wichtiger Bestandteil der chinesischen Strategie. Zudem steht die Taiwan-Frage nach wie vor im Raum. Andererseits sehen wir in der Handelspolitik Bidens, dass er den Handel als Mittel für übergeordnete Ziele sieht. Und die „Buy American Initiative“ wird weiter intensiviert, indem beispielsweise neue Regeln für öffentliche Ausschreibungen in den USA festgelegt werden – Stichwort Erhöhung des „local content“ auf bis zu 75 Prozent.

Leider müssen wir daher davon ausgehen, dass die Belieferung beider Märkte von Europa aus definitiv schwieriger und auch die sonstigen damit verbundenen Belastungen für europäische Unternehmen kurz- und mittelfristig zunehmen werden. Die beiden ECTA-Mitglieder Swissmem und VDMA haben in einer exklusiven Studie für ihre Mitglieder die Folgen unterschiedlicher Globalisierungs-Szenarien beleuchtet.

ZT.de: Auch das Thema Digitalisierung wurde diskutiert. Gerade die hohen Kosten schrecken viele Unternehmen ab, das Thema voranzutreiben. Fördert oder verringert die Digitalisierung die Wettbewerbsfähigkeit?

Markus Horn: Die Digitalisierung hat für die Unternehmen eine hohe Priorität, denn sie bietet große Chancen. Klar sind die Investitionskosten hoch, doch wer sich dem Trend zur Digitalisierung entzieht, verliert an Wettbewerbsfähigkeit und bleibt auf der Strecke. Die Anwendungen reichen bereits vom Einsatz künstlicher Intelligenz in der Zerspanung zur Entscheidungsunterstützung für den Werkzeugwechsel über die Nutzung des digitalen Zwillings für eine nachhaltige und klimaneutrale Produktion bis hin zu Cloud-basierten Geschäftsmodellen. Die Industrie kommt hier mit Siebenmeilenstiefeln voran und wäre noch schneller, wenn nicht der Fachkräftemangel auch in diesem Bereich stark bremsend wirken würde.

Aber mit Sorge blicke ich auf die öffentliche Verwaltung – insbesondere in Deutschland. Da ist der Nachholbedarf gewaltig! Die im Entwurf für die Digitalstrategie „Gemeinsam digitale Werte schöpfen“ der Bundesregierung angesprochenen Aspekte können nur ein Anfang sein und müssen weiter vertieft und mit Leben befüllt werden. Vor allem muss es darum gehen, die Maßnahmen schnell in die konkrete Umsetzung zu bringen und die jeweilige Finanzierung sicherzustellen. Wir stehen für den engen Austausch zwischen der Bundesregierung und dem Maschinen- und Anlagenbau bereit.

ZT.de: Mit der extremen Explosion der Energiepreise stehen Unternehmen vor einer weiteren Herausforderung hinsichtlich der Wettbewerbsfähigkeit? Welche Maßnahmen sind notwendig, um die Unternehmen zu unterstützen?

Markus Horn: Die Explosion der Energiepreise ist eine riesige Herausforderung für alle Unternehmen in Europa. Sicherlich müssen Preise Knappheiten anzeigen und somit eine Lenkungswirkung entfalten. Denn hohe Energiepreise sind ein Anreiz, Energie zu sparen und somit eine Mangellage und mögliche Versorgungslücken zu vermeiden.

In einem zweiten Schritt müssen dann einzelne besonders betroffene private Haushalte und Industrieunternehmen zielgenau entlastet werden, ohne deren Anreiz, Energie einzusparen, zu vermindern. Staatliche Hilfen müssen jedoch mit Augenmaß erfolgen, da sie von den Steuerzahlern bzw. anderen Energieverbrauchern, d. h. insbesondere dem industriellen Mittelstand (mit-)finanziert werden. Insbesondere dürfen subventionsgetriebene Nachfrageimpulse dabei nicht zu Angebotsverknappungen für Unternehmen mit geringem Energieverbrauch führen. Gerade mittelständische Unternehmen haben bereits jetzt Schwierigkeiten, Neuverträge mit ihren regionalen Versorgern abschließen zu können.

Ein Schritt in die richtige Richtung ist der Plan REPowerEU, den die Europäische Kommission als Reaktion auf die Belastungen und Störungen des globalen Energiemarkts, die durch Russlands Invasion der Ukraine verursacht wurden, vorgelegt hat. Mit REPowerEU soll der Energieverbrauch gesenkt, sauberere Energie erzeugt und die europäische Energieversorgung diversifiziert werden. Auch wenn eine Reihe von Einzelfragen noch der Klärung bedürfen, können wir doch gemeinsam mehr erreichen.

ZT.de: Mit der AMB steht eine der wichtigsten Messen vor der Tür. Mit welchen Erwartungen gehen ihre Mitglieder auf die AMB?

Markus Horn: Die AMB ist ein absolutes Messe-Highlight, nicht nur in Deutschland und Europa, sondern weit darüber hinaus. Die letzte AMB ist nun vier Jahre her. 2020 gab es pandemiebedingt das Format AMB Forum, das stark auf Fachvorträge ausgelegt war. Nun steht die Ausstellung wieder im Fokus und die Erwartungen sind hoch. Wir haben während der Pandemie gemerkt, wie wichtig der persönliche Dialog ist, auch wenn sich die digitalen Möglichkeiten stark weiterentwickelt und in vielen Bereichen etabliert haben. Das eine schließt das andere nicht aus, sondern ergänzt sich im besten Fall. Daher freuen wir uns auf zahlreiche nationale und internationale Besucher in Stuttgart, die auf der AMB Innovationen, Dialog und Live-Zerspanung mit allen Sinnen erleben können.

ZT.de: Vielen Dank für das Gespräch.

Bildergalerie zur ECTA-Konferenz

Kontakt:

www.ecta-tools.org