Es herrscht Krisenstimmung

Die Werkzeug-, Modell- und Formenbaubranche befindet sich in einer strukturellen Krise. Das legt die jüngste Benchmark-Auswertung des Marktspiegel Werkzeugbau nahe. Bereits seit 2019 zeichne sich die Krise ab, die durch die Covid-19-Pandemie verstärkt wurde.

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Mit dem Ziel, die Betriebe mit Branchenwissen systematisch besser zu machen, präsentiert der Marktspiegel Werkzeugbau inzwischen wieder monatlich einen Kennzahlen-Report mit nützlichen Vergleichswerten für den Werkzeug-, Modell- und Formenbau. Diesmal aus dem Analysefeld Betriebswirtschaftliche Kennzahlen. (Bildnachweis: Marktspiegel Werkzeugbau eG)

In der Werkzeug-, Modell- und Formenbaubranche herrscht Krisenstimmung. Bereits Mitte 2019 zeichnete sich ein bevorstehender Strukturwandel ab. Die bedeutendste Abnehmerindustrie, die Automobilbranche, reduziert programmatisch die Anzahl ihrer neuentwickelten Bauteile, was zu einem massiven Bedarfsrückgang an Formen und Werkzeugen führt. Expertenschätzungen gehen davon aus, dass bis zu einem Drittel weniger Volumen zur Vergabe kommen wird als noch vor wenigen Jahren. Die Covid-19-Pandemie ist zwar nicht die Ursache für die Krise, hat hierbei jedoch katalytische Wirkung.

Die Strategiekrise der Marktteilnehmer zeichnete sich vor etwa drei Jahren ab und hat sich mittlerweile effektiv zu einer Erfolgskrise entwickelt. Die jüngste Benchmark-Auswertung des Marktspiegel Werkzeugbau aus dem Jahr 2021 betrachtet das Geschäftsjahr 2020. Sie unterstreicht die Problematik der Unternehmen auf deutliche Weise.

Dr. Claus Hornig greift auf mittlerweile 40 Jahre Unternehmererfahrung zurück. Er ist Inhaber der CLAHO GmbH sowie Vorstandsmitglied und Gutachter der Marktspiegel Werkzeugbau eG. Als Gutachter betreut er das Analysefeld – Betriebswirtschaftliche Kennzahlen. (Bildnachweis: Marktspiegel Werkzeugbau eG)

Die Umsatzentwicklung ist rückläufig

Der Analyse der Marktspiegel Werkzeugbau eG zufolge sind die durchschnittlichen Jahresumsätze der Werkzeug-, Modell- und Formenbauunternehmen binnen eines Jahres um annähernd 9 % gesunken. Laut Dr. Claus Hornig ein Rückgang, wie ihn die Branche seit der Wirtschaftskrise 2008 nicht mehr gesehen hat. Er ist Gutachter im Analysefeld Betriebswirtschaftliche Kennzahlen beim Marktspiegel Werkzeugbau und arbeitet als Unternehmensberater für diese Branche seit inzwischen 19 Jahren. Auch wenn er den Umsatzrückgang weniger hoch erwartet hat – mit Einbußen hat er fest gerechnet. Einerseits, weil der Bedarf am Markt fehlt und es weniger Aufträge gibt. Andererseits aber auch, weil die am Markt bezahlten Preise sinken.

Schlechte Preisqualität hinterlässt ihre Spuren

Im Zusammenhang mit der Preisqualität lohnt es sich, eine weitere Kennzahl in den Fokus zu nehmen: die Pro-Kopf-Wertschöpfung, die auch als Pro-Kopf-Rohertrag bezeichnet wird. Sie ist im Jahresverlauf von 2019 auf 2020 zum ersten Mal in den Aufzeichnungen des Marktspiegels zurückgegangen, und zwar von 120.000 Euro um zirka 15 % auf 103.000 Euro. Für Hornig ist diese drastische Verschlechterung bedenklich. „Hier zeigt sich ein massives Problem“, erklärt er. Als Ursache benennt er auch hier die geringe Auslastung in den Unternehmen verbunden mit der schlechten Preisqualität.

Die Unternehmen erzielen eine negative Umsatzrendite

In der Branche lässt sich beobachten, dass viele Unternehmer sich gezwungen fühlen, Aufträge anzunehmen, nur um die eigene Belegschaft vor Kurzarbeit zu retten. Denn dass sich ein Auftrag positiv auf das Ergebnis auswirkt, ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Ein deutliches Indiz dafür ist die durchschnittliche Umsatzrendite (EBT zu Gesamtleistung) der Benchmark-Teilnehmer aus dem Werkzeug-, Modell- und Formenbau. Sie ist von 3,6 % im Vorjahr auf besorgniserregende minus 8,26 % zurückgegangen.

Mehr als die Hälfte der Unternehmen schreiben Verlust

Deutlich mehr als die Hälfte der am Marktspiegel Werkzeugbau teilnehmenden Unternehmen konnten im Jahr 2020 demnach kein positives oder ausgeglichenes Ergebnis erzielen. Eine erschütternde Entwicklung, wenn man bedenkt, dass im Berichtsjahr 2018 noch 9 von 10 Betrieben ein zumindest positives Vorsteuerergebnis ausgewiesen haben. Im Berichtsjahr 2019 reduzierte sich die Anzahl bereits, sodass nur noch 6 von 10 Unternehmen eine positive Umsatzrendite erwirtschaften konnten. Mit minus 8,26 % ergibt sich im Marktspiegel nun ein Rekord-Tiefstwert.

Die Rücklagen werden aufgebraucht

Unternehmen in der Krise: In der neueren Literatur werden Unternehmenskrisen übereinstimmend als ungeplante und ungewollte, zeitlich begrenzte Prozesse verstanden, die in der Lage sind, den Fortbestand der Unternehmung substanziell zu gefährden oder sogar unmöglich zu machen. (Bildnachweis: Gabler Wirtschaftslexikon, Krisenprozess | https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/krisenmanagement-37353)

In Anbetracht der negativen Umsatzrendite ist es wenig verwunderlich, dass auch die durchschnittliche Eigenkapitalquote im Jahr 2020 im Marktspiegel einen Einbruch von 8 % erlitten hat. Aus der Strategiekrise entwickelte sich für einen Großteil der Unternehmen eine Erfolgskrise.  „Wir sehen, wie die Betriebe auf ihre Rücklagen zugreifen, um die Verluste auszugleichen“, erklärt Hornig. „Die Unternehmen haben ja schon in den vergangenen Jahren keine großen Gewinne erwirtschaftet. Jetzt aber haben wir ein Niveau erreicht, das höchst frustrierend ist: Die Unternehmer arbeiten wie verrückt, und das Geld wird weniger anstatt mehr. Ich kann nachvollziehen, dass das keinen Spaß macht.“

Es ist damit zu rechnen, dass die Unternehmen noch weitere Jahre diese herausfordernde Marktsituation meistern müssen. Deshalb lautet die Devise: Cash is King! „Eigenkapital ist notwendiger denn je“, so der Branchenexperte. „Es hilft den Betrieben, durch diese Zeit zu kommen und stellt die Handlungsfähigkeit nachhaltig sicher.“

Einige Betriebe befinden sich in der Liquiditätskrise

Aus der Erfolgskrise entsteht momentan für viele zwangsläufig eine Liquiditätskrise. Folgt man Prognosen für die Werkzeug-, Modell- und Formenbaubranche, werden diese Krise etwa 20 bis 30 % der Unternehmen nicht überstehen und vom Markt verschwinden. „Ich persönlich erwarte über die kommenden Jahre eine massive Marktbereinigung“, äußert sich Hornig. „Es gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage.“ Die Insolvenz als Weg der Sanierung sollte seiner Meinung nach nicht von vorneherein ausgeschlossen werden. Im Gegenteil. In Zukunft werden sich wohl noch so manche Unternehmen damit auseinandersetzen müssen.

Wege aus der Krise – Was nun zu tun ist

Für Werkzeug-, Modell- und Formenbauunternehmer mag es hilfreich sein, sich vor Augen zu halten, dass eine Krise nichts Unnatürliches ist. Wichtig ist, eine Krise als solche frühzeitig zu erkennen, damit die passenden Maßnahmen eingeleitet werden können. Dafür gibt es die Krisenforschung. Was also tun?

  1. An innovativen Geschäftsmodellen arbeiten!

Mehr denn je gilt es, neue Geschäftsmodelle zu finden. Die marktlichen Rahmenbedingungen für den Verkauf von Arbeitskraft und Maschinenkapazität sind Hornig zufolge „denkbar schwierig“. Seiner Meinung nach sollte man sich ehrlich eingestehen, dass die meisten Betriebe Know-how bieten, welches bereits global omnipräsent verfügbar ist.

„Das Geschäftsmodell der bloßen Herstellung von Formen und Werkzeugen ist von zu geringer Komplexität. Das macht diese Leistung zu einem leicht vergleichbaren Commodity-Produkt“, so der Experte. Hornig empfiehlt den Unternehmern daher dringend, nicht mehr länger in Technologien und Produkten zu denken, sondern in Geschäftsmodellen. Darauf kommt es seiner Meinung nach in Zukunft an.

  1. Über Kooperationen nachdenken!

Die Betriebsgröße der Werkzeug-, Modell- und Formenbauunternehmen ist ein Problem. Die meisten Betriebe der Branche sind zu klein, um den sich heute abzeichnenden wirtschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Dem geschuldet zeichnen sich bereits erste Unternehmenszusammenschlüsse ab. „Ich halte das durchaus für einen überlegenswerter Weg“, hält Hornig fest.

  1. Stellen Sie betriebswirtschaftliche Kompetenz im Unternehmen sicher!

Mehr denn je sind es „unternehmerische Fähigkeiten“ und weniger das technische Können, die über die Zukunft der Unternehmen bestimmen werden. „Es ist der Unternehmergeist aus der Branche, der mich in meiner täglichen Arbeit immer wieder fasziniert. Denn der Gestaltungswille der Unternehmer ist nach wie vor vorhanden. Jedoch verfügen die wenigsten der doch eher kleinen Betriebe über die notwendigen kaufmännischen Kompetenzen, um die Profitabilität zu gewährleisten“, erklärt der Branchenkenner. „Hier rate ich Unternehmern dringend, sich dieses Wissen im Zweifelsfall von extern ins Unternehmen zu holen.“

  1. Unternehmerische Entscheidungen rational treffen!

Nie war es wichtiger, zu wissen, wo das eigene Unternehmen im Branchenvergleich steht und in welchen Unternehmensbereichen Handlungsbedarf liegt. Der Marktspiegel-Werkzeugbau-Benchmark ist ein maßgeschneidertes Instrument, um den Wandlungsprozess zu gestalten.

Das Benchmark-Ergebnis des Marktspiegel Werkzeugbau wird in einem Individualreport ausgewiesen. Mit ihm können deutschsprachige Werkzeug-, Modell- und Formenbauer wie auch Serienfertiger einsehen, wie es um ihre Wettbewerbsfähigkeit steht und in welchen Bereichen sie konkreten Handlungsbedarf haben. (Bildnachweis: Marktspiegel Werkzeugbau eG)

Beim Marktspiegel Werkzeugbau werden jährlich Werkzeug-, Modell- und Formenbauer sowie Serienfertiger aus dem deutschsprachigen Raum anhand einer anonymen Datenerhebung analysiert und nach ihrer Wettbewerbsfähigkeit bewertet. Das Ziel der Initiatoren ist, die Ergebnisse aus der Datenanalyse der Branche wiederum zur Verfügung zu stellen. Damit können die Entscheidungsträger in den Unternehmen aus konkreten Kennzahlen Trends in der Branche ableiten. So schafft der Marktspiegel Werkzeugbau eine valide Grundlage für Zukunftsentscheidungen.

Kontakt:

www.marktspiegel-werkzeugbau.com