Der Nebel lichtet sich

Die indische Appasamy Associates Group wendet CNC-Technik von Haas zur Herstellung von medizinischen Produkten in Indien an. Ein Anwenderbericht von Matt Bailey.

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Haas VF-1Bearbeitungszentren im Einsatz in Indien
Dreh-Frästeil.
 High-Speed Fräsen
Bearbeitung in 4. Achsen
 Mehrfach Aufspannung
 Maschinenbediener mit Fertigteil

Qualitätssicherung an der Maschine

Einwegspritze

Seit mehreren Jahrzehnten bemüht sich die indische Regierung mit ihrem Nationalen Programm zur Bekämpfung der Blindheit im ganzen Land den vom grauen Star betroffenen Menschen zu helfen. R. V. Ravichandran ist Betriebsleiter bei der Appasamy Associates Group, einem Kunden von Haas. „Dank des Programms der Regierung”, berichtet er mir, „muss ein Patient mit einem grauen Star, der im System erfasst ist, auch wenn er an einem sehr abgelegenen Ort wohnt, manchmal nur ein oder zwei Wochen warten, bis eine "Katarakt-Operation" sein Augenlicht wiederherstellt. In Großbritannien kann es dagegen, glaube ich, mehrere Wochen dauern.”

Appasamy stellt 80 % der Intraokularlinsen her, die in Indien zur Behandlung von Katarakt-Patienten verwendet werden. Die Intraokularlinse ist ein flexibler Kunststoff-Einsatz mit Halterungen, die als Haptik bezeichnet werden. Die Linse des Patienten wird, zumeist nach einer Tieftemperatur-Behandlung (Kryochirurgie), entfernt und die neue Linse in den Kapselsack des Auges eingesetzt. Oft, vor allem bei älteren Patienten, ist das Sehvermögen danach besser, als es mit den natürlichen Linsen vor dem Beginn der Erkrankung war. Appasamy produziert jeden Monat 300.000 Linsen sowie die Einweg-Spritzen, die verwendet werden, um die Linsen in das Auge zu injizieren, sowie eine breite Palette weiterer Instrumente und Geräte für Augenkliniken und Krankenhäuser. Mit Ellis Opthalmics besitzt das Unternehmen zudem ein Büro und eine Produktionsstätte in New York City. Die dortige Produktion wird fast ausschließlich nach Indien importiert.„Die indischen Ärzte möchten Linsen, die in den USA hergestellt und importiert wurden”, erläutert Ravichandran, „auch wenn sie mehr kosten.“ 

Von den Linsen abgesehen sind seit Jahren fast alle anderen wegweisenden Produkte und Innovationen des Unternehmens auf den lokalen Bedarf und die lokalen Preise abgestimmt, die weit unter denen importierter Alternativen liegen. P. S. N Appasamy hat das Unternehmen vor 33 Jahren gegründet und leitet es immer noch. In den 1970er Jahren arbeitete er in den USA für einen Hersteller von Kontaktlinsen und gründete bald seine eigene Firma, die ein preiswertes Produkt zum Einfrieren des Linsenkerns vor der Entnahme herstellte. Damals produzierte ein europäisches Unternehmen das einzige vergleichbare Gerät, das für diese Aufgabe eingesetzt werden konnte. Allerdings war diese Maschine für die Ärzte in Indien zu teuer. Appasamy hat die Konstruktion vereinfacht und konnte so eine besser geeignete Maschine zu einem weitaus niedrigeren Preis anbieten. Das neue Produkt wurde in Indien sehr populär und ermöglichte vor allem den Wanderärzten, die ihre Dienste den Patienten in ländlichen und abgelegenen Gegenden anboten, die Katarakt-Operation auszuführen.

Appasamy beschäftigt über 2.500 Angestellte, davon 1.380 im Werk von Puducherry und die meisten anderen in den Werken in Kalkutta, Chennai und Dehli. Das Unternehmen erwirtschaftet gegenwärtig einen Jahresumsatz von über 2 Milliarden US-Dollar und viele seiner wichtigsten Produkte werden auf 20 Haas CNC-Werkzeugmaschinen in seinem Werk in Puducherry gefertigt.

Eine Haas MiniMill, elf vertikale Bearbeitungszentren VF-1 und acht Drehzentren SL-10 stellen die Teile für 1.800 verschiedene chirurgische Instrumente und Geräteteile des Produktkatalogs von Appasamy her. Das Portfolio umfasst unter anderem Mikroskope und Spaltlampen, die in Kliniken und OP-Sälen zum Einsatz kommen, sowie Tonometer zum Messen des Augeninnendrucks.

„Das Tonometer ist eines unserer Verkaufsschlager und eine Eigenentwicklung”, meint P. Prakash, stellvertretender CNC-Leiter. „Alle 45 Teile werden auf der Haas MiniMill gefertigt. Wir produzieren 150 Geräte pro Monat.”

Ein YAG-Laser ist eine weitere Eigenentwicklung von Appasamy. Nachdem der Katarakt entfernt und durch eine Intraokularlinse ersetzt wurde, kann es passieren, dass der Kapselsack hinter der Linse dicker und ‚milchig‘ wird, so dass Licht streut, bevor es auf die Netzhaut (Retina) trifft. Um diese Komplikation zu lindern, wird der eingetrübte Kapselbereich mit einem Laser perforiert, damit das Licht leichter passieren kann. 20 Jahre lang hat das optische Unternehmen Carl Zeiss in Deutschland den einzigen in Indien erhältlichen YAG-Laser hergestellt, bis Appassamy eine preiswertere Ausführung entwickelt und gebaut hat.

„Der YAG-Laser ist eine weitere Erfolgsgeschichte von Appasamy”, meint R. V. Ravichandran. „Carl Zeiss hat niemals mehr als etwa 1.600 YAG-Laser abgesetzt. In den acht Jahren, seitdem wir mit unserem Produkt auf den Markt sind, haben wir bereits 1.000 Stück verkauft.”

Appasamy zählt mehr als 10.000 indische Ärzte zu seinen Kunden, die alle nach preiswerteren und einfacheren Alternativen zu importierten Produkten suchen. Dazu gehören auch die Ultraschallgeräte, die früher 200.000 – 300.000 US-Dollar gekostet haben und die Appasamy jetzt für nur 10.000 US-Dollar anbietet.

Das weniger invasive System des Unternehmens zum Einsetzen der Intraokularlinsen kommt ohne chirurgische Nähte aus, da der erforderliche Schnitt in der Linse nicht einmal 5 mm lang ist. Die Ersatzlinse wird zusammengerollt und in das Auge injiziert, wo sie sich wieder entfaltet. Da keine Nähte benötigt werden, ist dieses Verfahren schneller und einfacher. Außerdem ist das Risiko geringer, dass sich das Auge verformt. Neben diesen Linsen stellt Appasamy auch die Einweg-Spritzen her, deren Formen auf einer Haas VF-2 Super Speed gefertigt werden.

Die Spaltlampe von Appasamy allein umfasst 60 Teile, die gedreht bzw. gefräst werden und aus Aluminium, Edelstahl oder Messing bestehen. Das Unternehmen montiert 350 Stück pro Monat und möchte die Produktion auf 500 pro Monat ausbauen. Die optische Baugruppe für das Operationsmikroskop wird auf der Haas VF-1 gefertigt. Das Produkt wird in zwei Modellen geliefert, von denen eines eine stufenlose Vergrößerung besitzt. Das andere Modell bietet mehrere Vergrößerungsstufen, wobei der dafür erforderliche Revolvermechanismus auf 5 Mikrometer genau auf der Haas VF-1 aus Aluminium gefräst wird. Das Keratometer von Appasamy zum Messen der Oberflächenkrümmung der Hornhaut des Auges wurde früher von einem japanischen Zulieferer hergestellt und nach Indien importiert. Heute fertigt Appasamy es selbst.

EdgeCAM-Software

Bei so vielen Teilen und Produkten verwundert es nicht, dass das Unternehmen viel Zeit und Arbeit darauf verwendet, die richtigen Schnellspannvorrichtungen zu konstruieren. Die Fertigungslose bestehen oft nur aus zwei bis fünf Komponenten und einige Maschinen sind für Entwicklungsarbeiten reserviert, wo sie den korrekten Ablauf von Programmen, die mit der EdgeCAM-Software generiert wurden, nachweisen und die Zykluszeiten verkürzen. Am Tag meines Besuches wartete eine lange Reihe neuer Haas Maschinen noch eingepackt nach ihrer Reise über den Nordpazifik in einem nicht benutzten Teil der Fabrik darauf, ausgepackt und installiert zu werden.

„Diese Woche haben wir hier 16 neue Haas Maschinen erhalten”, erklärt Ravichandran, „zehn VF-1 und sechs ST-10. 80 Prozent unserer Angestellten an der Produktionslinie sind Frauen und sie mögen die Haas Maschinen, weil sie so einfach zu bedienen und zu warten sind. Die Maschinen aus Taiwan, die wir davor hatten, waren groß, komplex und wirkten einschüchternd.”

Viele Produkte von Appasamy enthalten kleine Teile, die auf den Haas Maschinen bearbeitet wurden. Ravichandran behauptet, dass die weiblichen Maschinenbediener über eine gute manuelle Feinmotorik verfügen, doch der Hauptgrund, warum sie tagsüber an der Fertigungslinie stehen, ist der, dass sie dann abends, nachts und am frühen Morgen bei ihren Kinder zuhause sein können.

„Die Frauen übernehmen die Tagschichten und die Männer die Nachschicht”, erklärt er. „Viele Frauen kommen direkt von der Schule oder dem College zu unserem Unternehmen und arbeiten hier drei oder vier Jahre, bis sie dann heiraten. Manche kehren zurück und arbeiten weiter, andere hören auf, um die Kinder großzuziehen.”

Angesichts einer scheinbar unerschöpflichen Nachfrage nach klinischen Geräten und Instrumenten sowie eines solch riesigen Kundenstamms einheimischer Augenärzte überrascht es nicht, dass Appasamy in den vergangenen zwei Jahrzehnten ununterbrochen gewachsen ist. Das Geschäft läuft gut, was in nicht unerheblichem Maße auf die kontinuierliche Entwicklung innovativer und preiswerter Produkte zurückzuführen ist.  In Indien können alle Ärzte ihre eigene Privatpraxis gründen. Daher ist es wichtig, dass die Geräte erschwinglich sind. Aus diesem Grund hilft Appasamy den Augenärzten mit einem speziellen Programm, damit sie die Technik kaufen können, die sie für Katarakt-Operationen benötigen.

Aber das Unternehmen exportiert seine Produkte auch und nimmt regelmäßig an Fachmessen in den USA und Europa teil. Auf diese Weise sichert es sich im Rahmen eines staatlichen Subventionsplans niedrigere Steuern auf importierte Werkzeugmaschinen.

„Da wir einen großen Teil unserer Produktion exportieren, zahlen wir auf die Haas Maschinen weniger Einfuhrsteuern”, meint Ravichandran. „Unser Unternehmen ist von der indischen Regierung auch für seine Exporte gewürdigt und ausgezeichnet worden. So haben wir den Preis des indischen Rates für die Förderung von technischen Exporten für die beste Leistung in der Kategorie Kleinindustrie erhalten.”

In den letzten Jahren ist viel über die Technologiewelle geschrieben worden, die ganz Indien erfasst hat. Doch beziehen sich die Autoren hier für gewöhnlich auf das Internet und Breitbandnetze, die es den Menschen erlauben, Geschäftschancen zu ergreifen, die sich ihnen Tausende Kilometer entfernt bieten. Indische Call-Center haben die Kundenkommunikation jedes Versicherungsunternehmens und jeder Ticket-Agentur in Großbritannien und in den USA, die ihre Kosten senken wollten, verändert. Heute können indische College-Abgänger eine Bürotätigkeit für ein westliches Unternehmen ausführen, ohne ihre Heimatstadt verlassen zu müssen.

Weniger geschrieben wird aber darüber, wie Technikunternehmen in Indien wie Appasamy die Vorteile der besten verfügbaren Fertigungstechnologie nutzen und dadurch nicht nur zur Lösung der brennenden sozialen und gesundheitlichen Probleme des Landes beitragen, indem sie beispielsweise den Blinden wieder zum Sehen verhelfen, sondern auch unmerklich innovative indische Produkte auf wachsenden westlichen Märkten etablieren. Was gut ist für die Augenpatienten im ländlichen Indien, ist, so scheint es, auch gut für die Augenpatienten im Rest der Welt.

Kontakt:

www.appasamy.com

www.haascnc.com